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Ich hätte Nein sagen sollen
Barbara, 43, hat für ihren Mann die Heimat verlassen.
Ohne dabei auf ihre innere Stimme zu achten.

Ach, du wirst sehen, in einem Jahr fühlst du dich dort wohl und wie zu Hause.“ „Ja, das ist halt so, wo der Mann die Arbeit hat, da geht auch die Frau hin.“ Bei den Besuchen im Heimatdorf und in der Familie meines Mannes hatte ich mich nie wohlgefühlt. Meine innere Stimme flüsterte unaufhörlich: „Hör auf dein Herz und geh nicht mit.“ Hatte ich nicht in meinem Elternhaus gelernt, „brav und nett“ zu sein, das zu tun, was andere von mir wollten, mehr als auf die eigenen Wünsche zu hören? So ging ich mit meinem Mann, nachdem er sechs Jahre als Pendler gelebt hatte, mit nach Südtirol, wie es sich für eine brave Ehefrau gehörte, und versuchte eine nette Schwiegertochter zu sein.

Für viele ist Weggehen aus der Heimat Befreiung, Abenteuer und Neuanfang zugleich. Für mich bedeutete das Übersiedeln die völlige Entwurzelung. Als ich das halb fertige Haus sah, das uns seine Eltern zum Wohnen angeboten hatten, heulte ich nur. Die Einsamkeit und die innere Leere erdrückten mich fast in den folgenden Jahren. Mein Mann war den ganzen Tag in der Arbeit und ich alleine mit den Kindern zu Hause. Einmal gestand ich meiner Schwiegermutter unter Tränen mein Heimweh. Ihre Antwort? „Du hast es nur zu schön und zu wenig Arbeit, sonst würdest du nicht auf solche Gedanken kommen.“ Da wusste ich, von ihr würde kein Mitgefühl kommen. Ich vermisste mein vertrautes soziales Umfeld so sehr. Meine Geschwister, meine Freundinnen. Ich hätte nie gedacht, dass Heimweh so beständig wehtun kann.

 

Lebe nie das, was andere wollen, auch wenn die Argumente logisch klingen.

 

Es hat mich viel Kraft gekostet, Boden unter die Füße zu bekommen, die Fühler nach neuen Kontakten auszustrecken, neben vier kleinen Kindern, die schnell hintereinander gekommen waren. Ich fühlte mich total zerrissen zwischen meinem neuen Zuhause und meiner Heimat. Kein Wunder, LEBENSPROTOKOLL dass ich stetig zunahm. In meinem Kummer tröstete mich viel Schokolade.

Ich würde niemandem raten, einer Veränderung im Leben halbherzig zuzustimmen. Die eigenen Wünsche hintanzustellen. Ich hätte damals viel klarer meinem Mann gegenüber sein müssen und Nein zum Umzug sagen sollen. Ich war zu angepasst, zu unentschlossen, mit zu wenig Selbstvertrauen ausgestattet. Wir hätten bestimmt eine andere akzeptable Lösung für unser Leben gefunden.

Für eine Ehe ist es sehr schwierig, wenn einer der Partner das Gefühl hat, dass nur er auf so vieles verzichten muss. Wir hatten deshalb viele Krisen. Ich war so enttäuscht, weil ich mich von ihm nicht verstanden und im Stich gelassen fühlte. Er war mit meinen Gefühlen total überfordert. Hatte ich aus Liebe zu meinem Mann zugestimmt? Aus Pflichtbewusstsein meine Wünsche für die Familie aufgegeben? Wo ist die Grenze für die Opferbereitschaft einer Frau? Diese Frage erzeugt einen bitteren Beigeschmack.

Über die Jahre suchte ich nach Ursachen für meine Traurigkeit und meinen inneren Schmerz. Ich habe begonnen, „Glaubenssätze“ und „Bilder“ aus meiner Kindheit zu hinterfragen. Dafür ist es nie zu spät.

Zu meinen Kindern sage ich: „Hört in euch hinein und verlasst euch auf die innere Stimme. Egal, was andere denken oder sagen.“


Erschienen in „Welt der Frau“ 9/2013 – von Michaela Herzog