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Die Liebe ist ein Roulette der Möglichkeiten. Wer wir sind, hängt immer auch davon ab, wen wir treffen.

Ich ist ein anderer“, so heißt ein berühmtes Zitat des französischen Dichters Arthur Rimbaud (1854-1891). Er meinte damit, dass wir uns selbst niemals wirklich durchschauen, auch wenn wir uns zu kennen glauben. Dass uns immer etwas in uns selbst entgeht, ein Unbewusstes, Abgründiges. Wir sind anders, anders, als wir denken, uns selber fremd.“Es ist falsch, zu sagen: Ich denke. Es müsste heißen: Man denkt mich“, schrieb der 17-jährige Rimbaud an einen Freund.Es ist eine wankelmütige Wahrheit, die er da ausspricht, eine, die zwischen Erschrecken und Erlösung schwankt.Denn es ist furchtbar und zugleich eine Entlastung, nicht ein Selbst sein zu müssen.

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Die Fotografin Dita Pepe experimentiert in Selbstporträts mit ganz verschiedenen Frauenrollen: von der Pferdeliebhaberin über die Braut bis hin zur Luxusgattin.

GÄRTNERIN ODER LUXUSPUPPE
Rimbauds Satzerklärt auch, dass es kein Ich für sich alleine gibt. Wir sind, was wir sind, durch andere. Sie beleben uns und formen uns, sie lassen uns wachsen und begrenzen uns, sie heilen und verletzen uns. Nichts davon geht spurlos vorbei. Leben ist Austausch, Kommunikation; wir nehmen andere wie Nahrung auf, und sie setzen sich ab in uns wie Sedimente, sie sind der Baustoff unseres Selbst.
Wir werden also ein Ich erst

mit dem anderen, und indem wir selbst werden, werden wir andere. Auch in der Liebe, in der Ehe. Welche Möglichkeiten. Man könnte bodenständige Gärtnerin sein oder glamouröse Luxuspuppe, coole Braut oder Jägerfrau. Man könnte auf dem Bauernhof schuftenoder zerlumpt in einer armseligen Sozialwohnungdahinfristen. Man könnte zu zweit leben oder im großen Familienclan. Welch ein Zufall. Der oder die andere kann uns weit wegbringen in ferne Länder oder uns einsperren in ein deprimierend enges Heim. Sie oder er kann uns hinaufheben ins Glück oder tief hinunterziehen ins Elend. Zusammen sein sollen wir in guten wie in schlechten Zeiten, aber immer stellt sich die Frage: Gibt es nicht eine andere Option? Wie wäre das Leben gewesen, wenn …? Ist nicht noch mehr drin für mich? Eine vollkommen neue Existenz gar? Das ist das Feuer aller Affären und Seitensprünge. Jede Wahl ist Auswahl und begrenzt die Möglichkeiten. Man kann nicht alle leben. Aber ein paar hintereinander weg schon oder im Doppelleben zwei gleichzeitig. Vielleicht.

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Ich bin wie du: Partner gleichen sich an, und so vieles ist möglich. Man könnte Luxusgattin sein, armselig in einer schlimmen Ehe verkümmern, coole Braut oder einfach nur reich sein.

MEHR ALS EIN MASKENSPIEL
Denn in allen Szenarien bleibt etwas gleich – die Augen, der Körper, die Seele des Ganzen. Es mag schon sein, dass „ich ein anderer ist“, aber so schnell entkommt man sich trotzdem nicht. Gibt es ein Zentrum des Selbst, einen harten Kern, ein Innen, das vom Außen nicht ganz zu bestimmen und zu formen ist?Das Bild vom „harten Kern“ist möglicherweise falsch. Aber ein Ich ist etwas, das, wenn es auch nicht „hart“, so doch so zäher ist und beständiger als das Äußere der Situationen, als das Maskenspiel der Verkleidungskunst. Immer bin „ich“ es doch, unter allen Umständen. Und daher ist auch nicht alles möglich, noch nicht einmal wen ich treffe und liebe bleibt vollkommen offen. In all dem Zufall herrscht eine gewisse Notwendigkeit. Der Sinn eines Zusammenhangs ist wie ein Pfad, den wir durchs Ungewisse legen. Ein anderes Leben mit einem anderen Menschen wäre immer ein Stück weit dasselbe, weil man sich niemals einen ganz anderen sucht.

BOOT AUF HOHER SEE
Diesen wandelhaften Kern eines Ich müssen wir entwickeln und hüten. Wir Frauen. „Ich bin nicht ich, ich bin Rolfs Frau“, schreibt die Protagonistin in Brigitte Schwaigers Roman „Wie kommt das Salz ins Meer“.Zu lange war das Verkleidungsspiel bitterer Ernst. Frau Geheimrat, Frau Präsidentin, Frau Magister. Eine Frau war lange nichts als die Trägerin eines Namens, der nicht ihr gehörte. So wie sie nicht sich gehörte, sondern ihm, dem Mann. Er war öffentlich, sie war privat. Diese Zeiten sind noch nicht ganz vorbei, aber die Verhältnisse ändern sich.Lange hat es gebraucht, selber jemand zu werden. Selbst zu sein. Ein Ich. Nichts davon dürfen wir aufgeben, die Suche nach dem, was wir sind und sein wollen.
Was ist das, Identität? Es gibt ein schönes Bild vom Ich als einem Boot, das im Meer gegen Wind und Wellen kämpft. Jeweils wenn es nötig ist, wechselt die Besatzung schadhafte Planken aus, mal diese, mal jene – sodass zum Schluss
keine der ursprünglichen Planken mehr vorhanden ist. Das Boot war immer dasselbe, obwohl sich im permanenten Umbau alles an ihm veränderte. So sind wir. Dieselben und doch komplett verwandelt am Ende der Fahrt.

 

Spiel mit Rollenbildern

Für die tschechische Künstlerin Dita Pepe ist Fotografie eine Form der Selbstwahrnehmung, auch der Therapie. In ihren Selbstporträts entwirft sie sich jeweils in Begleitung verschiedener Männer, in verschiedenen Rollen und verschiedenen Umgebungen. Die in künstlichem Licht arrangierten Szenen wirken wie Stillleben oder Bühnenbilder, in denen jedes Detail genau komponiert ist. Dita Pepe will zeigen, dass jede Person immer ein Teil der sie umgebenden Realität ist, dass sie unauflöslich mit ihrer Umgebung verbunden ist.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 5/2013 – von Andrea Roedig