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Ich kann nicht mehr zurück
Jana, 51, liebt ihren Mann bis heute. Doch um sich selbst zu schützen, musste sie ihn verlassen.

Drei Wochen vor unserem 25. Hochzeitstag bin ich ausgezogen. Mein Mann und ich hatten all die Jahre eine Ehe mit vielen Höhen und Tiefen geführt. Ich hatte meine große Liebe geheiratet. Er war mein Lebensmensch, meine Bezugsperson all die Jahre. Wir hatten viele ehrliche und glückliche Momente. Er konnte mir die Geborgenheit geben, die ich schon lange Zeit vermisst hatte. Ich war eine der wenigen, die er hinter seine Fassade blicken ließ, und sah den liebenswerten Menschen, der mir bis heute sehr viel bedeutet. Ich bin ganz sicher, er hat mich nie mit einer anderen Frau betrogen. Bis ein Dritter mit Namen „Alkohol“ zum Wochenende in unsere Beziehung einzog. Damals, als unser Wunschkind noch klein war.

Ich musste lernen, dass der Grat zwischen dem sogenannten Genusstrinken und Alkoholmissbrauch sehr schmal ist. Nicht jede/-r, die/der regelmäßig Alkohol trinkt, wird abhängig. Alkohol verändert das Verhalten und raubt die Seele. Die Einsicht, Fehler gemacht und ein Alkoholproblem zu haben, hatte er nie. Der zunehmende Alkoholkonsum verstärkte seine Ichbezogenheit. Alle therapeutischen Gespräche blieben ohne Erfolg. Entziehungskur, neue Lebensinhalte, Klärung der Finanzen? Getroffene Vereinbarungen hielt er immer seltener ein. Nach jedem Streit tat er so, als wäre nichts gewesen.

Sein Reden und Handeln hatten nicht mehr übereingestimmt.

Ich hatte lange Zeit das Gefühl, in einen schlechten Film geraten zu sein – vieles wurde so unwirklich, so schwer zu bewerten. Dabei gab ich die Hoffnung auf Veränderung nicht auf. Ich verheimlichte weder seine Krankheit noch übernahm ich den Kauf von alkoholischen Getränken. Allerdings hielt ich das Familienleben und die Beziehung zu FreundInnen aufrecht. Habe ich damit mitgeholfen, den Teufelskreis aufrechtzuerhalten?

Mehrmals zog ich nach heftigen Streitereien – sein Verhalten wurde zunehmend aggressiver – übers Wochenende in das Haus meiner Eltern, um ihm zu zeigen, dass es so nicht weitergehen konnte. Bei jeder Rückkehr blieb mein Hund vor der Gartentür sitzen. Ich musste ihn mit aller Kraft hineinziehen. Er ist das Spiegelbild meiner Stimmungen.

Seit fast zwei Jahren lebe ich jetzt alleine. Ich kämpfe Tag für Tag um die innere Trennung, um einen Neubeginn und gegen meine Einsamkeit. Mein Schmerz sitzt so tief. Doch finde ich zunehmend innere Ruhe. Mein Noch-Ehemann weigert sich, mit mir über die Trennung zu sprechen. Eine Scheidungsklage werde ich nicht einreichen. Er versteht bis heute nicht, warum ich gegangen bin, und fühlt sich im Stich gelassen. Er will sich seinen Lebensthemen nicht stellen. Lieber trinkt er und verzichtet auf unsere Liebe. Ich lerne zu akzeptieren, dass er die Verantwortung für sein Leben nicht übernehmen kann oder will. Einen Platz in meinem Herzen wird er als Vater meines Sohnes immer haben.

Hätte ich drei Wünsche für mein Leben frei, würde ich mir wünschen, in meinem Leben den Punkt zu erreichen, an dem ich mit der Vergangenheit versöhnt sein und mich dem Jetzt zuwenden kann. Als Zweites würde ich mir für meinen Mann wünschen, dass er sein Leben doch noch in den Griff bekommt. Und drittens hätte ich gerne wieder eine Beziehung, die auf beglückender Wertschätzung beruht.

Erschienen in „Welt der Frau“ 03/14 – vom Michaela Herzog