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Warum leisten Menschen freiwillig harte Arbeit? Begleiten sterbende Kinder, Alte, Behinderte, Obdachlose und psychisch Kranke ein Stück ihres Weges – ohne einen Cent dafür zu kassieren?

Als Mihaela Rusu beim mobilen „Kinderhospiz- Netz“ als freiwillige Mitarbeiterin anheuerte, war sie 19. Also fast selbst noch ein Kind. Über die Ehrenamtsbörse im Internet hatte sie erfahren, dass das Hospiz Begleitpersonen suchte. „Nachdem ich immer schon mit Kindern arbeiten wollte und mir meine Lehre als Bürokauffrau ohnehin nicht gefiel, schloss ich einen Befähigungskurs ab. Ein Jahr lang stand jede zweite Woche der Tod im Fokus. Kaum hatte ich den Schein im Säckel, wurde ich gefragt, ob ich Sophia* begleiten möchte. Ein sterbenskrankes Mädchen …“, erzählt die heute Mihaela Rusu25-Jährige, die selbst einen Bruder und eine Schwester hat.

Rusu spricht mit sanfter, ruhiger Stimme. Sie klingt sehr reif. Um ein ganzes Stück erfahrener als so manch andere junge Frau ihres Alters.

Zu dem Zeitpunkt, als die Wienerin mit rumänischen Wurzeln ihre kleine Patientin kennenlernte, hatten die ÄrztInnen jede Hoffnung längst aufgegeben. Sophias Mutter hatte bereits den Grabstein gekauft und alles für die Beerdigung organisiert. „Dabei war sie erst neun Jahre alt und vom Wesen her total stark und lebendig! Ich sollte Sophia jede Woche für ein paar Stunden besuchen, damit ihre Mutter inzwischen in Ruhe duschen, einkaufen und andere wichtige Dinge erledigen konnte.“

Sophias Mutter war Alleinerzieherin, denn der Kindesvater verließ die Familie, nachdem die Kleine behindert zur Welt gekommen war. Ihr Brustkorb war nicht weitergewachsen. Somit konnten sich Sophias Organe nicht ordnen. „Sie hatte schon viele Operationen hinter sich. Beim Bauch und in der Nase hatte sie eine Sonde, weil sie künstlich ernährt werden musste. In der Ecke neben ihr stand immer diese große Beatmungsmaschine. An dieser hing ein langer Schlauch, damit sich Sophia in der Wohnung bewegen konnte. Wenn ich sie an der frischen Luft spazieren führte, saß sie im Rollstuhl, und an ihm hing eine Sauerstoffflasche.“

Die Erinnerungen an ihre erste Patientin wecken starke Gefühle: Mal bewirken sie Emotionen in Rusus Stimme, dann zaubern sie wieder ein Schmunzeln auf ihre Lippen. „Sophia konnte nur einige Laute hauchen, trotzdem hat sie sich unmissverständlich auszudrücken gewusst. Sie war raffiniert, testete immer wieder meine Grenzen. Wenn jemand sie besuchte, den sie nicht leiden konnte, schnappte sie sich seine Straßenschuhe und stellte sie dem unerwünschten Gast vor die Füße. Das war ihre Art, ‚Verschwinde!‘ zu sagen.“

Leuten, die Sophia wiederum mochte, brachte sie Gästepatschen. So war’s auch, als Rusu sie das erste Mal besuchte. Über drei Monate hinweg bauten die beiden eine innige Beziehung zueinander auf. An einem Sonntag bekam Mihaela Rusu dann plötzlich einen Anruf von Sophias Krankenschwester. „Ich bin sofort zu ihr, aber es war zu spät. Kurz vorher war Sophia für immer eingeschlafen. Ich konnte mich nicht mehr von ihr verabschieden. Ihre Mutter saß an ihrem Bett, wiegte ihre tote Tochter im Arm und schluchzte bitterlich. Ich stand hinter ihr und musste mich so zusammenreißen, dass ich nicht selbst weinte! Als ehrenamtliche Mitarbeiterin will ich immer stark sein für die Betroffenen.“

NICHT FÜR GELD

Nach diesem Erlebnis überlegte sich Rusu, ob sie weitermachen sollte. „Ich hatte davor noch nie einen toten Menschen gesehen. Das Kind, das da vor mir lag, war nur noch ein leerer Körper. Da war nichts mehr von Sophias quirligem Wesen. Ich hätte nie gedacht, dass ich so einen Anblick emotional ertragen kann. Aber mein tiefer Glaube gab mir die Kraft dazu. Ich habe mich einfach auf Gott verlassen.“
Was veranlasst eine junge Frau, die selbst mitten im Leben steht, sich freiwillig mit fremdem Leid auseinanderzusetzen? Sich um hilfsbedürftige Menschen zu kümmern? Noch dazu, wenn sie keinen einzigen Cent dafür bekommt? Rusu, die nunmehr als Kindergartenpädagogin arbeitet, strahlt Mihaela Rusuerfüllt. „Ich habe mich immer danach gesehnt, etwas Besonderes zu tun. Die Aufgabe zu finden, für die ich berufen bin! Ich habe früh gespürt, dass ich ein bisschen anders bin.“ Schon mit 17 hat sie psychisch Kranke und Alte im Seniorenheim besucht und sich ihre Geschichten angehört. Nur ein paar ausgewählte FreundInnen wissen von Rusus ehrenamtlichem Engagement. „Manche finden es cool, andere hingegen abschreckend. Da wird dann kein Wort mehr darüber verloren.“

Auch die Begeisterung ihres Vaters hielt sich anfangs in Grenzen. Das hatte mit seiner persönlichen Geschichte zu tun, denn er erlebte harte Zeiten in Rumänien unter der Regierung Ceauşescus. Der studierte Installateur floh damals mit seiner Familie über die Grenze und musste in Österreich ganz von vorne beginnen. Mihaela war da erst zwei Jahre alt. Klar, dass er heute meint, sie solle sich lieber in einem Bereich engagieren, der Geld abwirft. „Ich glaube, er hat Angst, dass ich mich selbst vergesse, wenn ich mich um andere kümmere. Aber diese Sorge ist unbegründet. Meine Eltern sind tragende Säulen für mich. Da ist es doch normal, dass ich umgekehrt auch für andere da sein will, oder?“, argumentiert Rusu und schwärmt vom Feingefühl und der sozialen Ader ihrer Mutter, einer Heimhelferin. „Das Helfer-Gen habe ich definitiv von ihr.“

Zurzeit hat Mihaela Rusu ein Auge auf Pinar*, ein türkisches Mädchen, das sich nach der Krebserkrankung und dem Tod ihrer Schwester in sich selbst zurückgezogen hat. „Pinar fehlte die Aufmerksamkeit der Eltern, die sich vor allem um ihre andere Tochter kümmerten. Das Leid von Geschwisterkindern darf man nicht unterschätzen. Sie verlieren oft die ganze familiäre Struktur!“ Mittlerweile lässt sich die Kleine aber wieder auf andere Menschen ein und hat den herben Verlust dank Rusus einfühlsamer Begleitung gut verarbeitet. Dieser Erfolg bedeutet Rusu mehr als jedes Geld: „Durch diese ehrenamtliche Tätigkeit bin ich innerlich extrem gewachsen und kann noch dazu in jedem Bereich arbeiten, der mir im öffentlichen Rahmen ohne spezifische Ausbildung verwehrt geblieben wäre.“

Als Engel muss man jedenfalls nicht geboren werden, um Gutes zu tun. „Früher war ich ungeduldig, wollte immer alles auf der Stelle haben“, beschreibt sich Rusu selbst, „Feingefühl und Achtsamkeit hatte ich kaum. Ich habe jedem meine Meinung direkt ins Gesicht geschleudert. Das kam oft falsch rüber.“ Durch das Ehrenamt kam sie mit verborgenen Seiten und in ihr schlummernden Eigenschaften in Berührung. Und sie ist heute überzeugt, dass jeder die Fähigkeit zur Empathie in sich trägt. Man muss sich nur trauen, sie auszuleben. Sich selbst ausprobieren, appelliert Rusu. Nur wer seine Ängste überwindet, kommt weiter im Leben. „Außerdem ändert das Miteinander die Sicht auf die Dinge.“