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Ich liebe das Leben trotzdem
Maria, 48, hat auch in schweren Zeiten nie aufgehört zu träumen und an das Gute zu glauben.

Im Mai feierte ich meinen 48. Geburtstag. „Na und? Das war doch ein ganz normaler Geburtstag – nicht einmal ein runder!“, könnte man mir entgegnen. Stimmt, aber er war dennoch eine Gelegenheit für mich, auf die vergangenen 47 Jahre zurückzublicken.

Ich bin als sechstes von zehn Kindern in eine Tiroler Bergbauernfamilie hineingeboren worden. Ausgerechnet ich, die von klein auf Angst vor jeglichem Getier hatte. Meine Mutter erzählte oft, dass ich als Baby losbrüllte, wenn sich nur eine Fliege auf meine Hand setzte. Ganz zu schweigen von den großen Tieren am Bauernhof, die mir eine Heidenangst einjagten. Angst bestimmte einen Großteil meiner Kindheit. Ich hatte Angst, allein den weiten Schulweg durch den Wald nach Hause zu gehen. Ich hatte Angst vor der Dunkelheit. Angst, im Keller Kartoffeln zu holen. Doch meine Fantasie und der unzerstörbare Glaube, dass es Hilfe gibt, halfen mir, sie zu besiegen.

In der ersten Klasse Volksschule bekam ich zu Weihnachten mein erstes Buch geschenkt, das ich noch am selben Abend auslas. Sobald ich richtig schreiben konnte, begann ich die Geschichten, die ich im Kopf hatte, aufzuschreiben. Sie führten mich in eine Welt, in der ich alles erreichen konnte, wo mich keine Angst zurückhielt, wo ich am Ende immer die Heldin war.

Manchmal fühle ich mich alt, aber nur in Bezug auf meine Erfahrungen und Erlebnisse.

Für mich war diese Fantasiewelt inmitten von neun Geschwistern und Eltern, die eigentlich nur Arbeit kannten, lebensnotwendig. Ironischerweise heiratete ich mit knapp 20 Jahren einen Bauern. Wieder kam ich in eine Familie, wo in erster Linie die Arbeit zählte und das Bild, das nach außen vermittelt werden musste.

Die letzten zwanzig Jahre habe ich Scheidung, Tod, Selbstmord in der Familie, Krebserkrankungen, Totgeburt, Abtreibung … überlebt. Man könnte sagen: „So viel kann doch in einem so kurzen Leben gar nicht vorkommen!“ Es kann! Erstaunlicherweise hatte ich mit den Jahren immer wieder erfahren, dass ich gerade in den schwersten Stunden eine immense Kraft in mir habe und eine innere Stimme, die mir dann sagt: „Du schaffst es! Es geht wieder nach oben.“ Jedes Mal erlebte ich, dass Hilfe da ist, wenn man sich danach umschaut, und sei es nur ein Lied, das genau im richtigen Moment den richtigen Text hat, eine Freundin, die das richtige Buch bringt, oder ein Fremder, der dir ein Taschentuch reicht, obwohl er gar nicht weiß, wa­rum du weinst.

Ich bin dankbar. Weil ich all diese Dinge sehen und annehmen kann, auch in Situationen, wo eigentlich alles traurig ist. So auch beim Tod meines ältesten Sohnes, der 2009 nach vierwöchigem Koma an einem Hirninfarkt starb, obwohl die ÄrztInnen vorsichtigen Optimismus zeigten. Auch da half mein Urvertrauen, dass letztlich alles seinen Sinn hat. Denn genau in diesen Wochen seines Komas erlebte ich wunderbare Begegnungen mit Menschen, die ich sonst nie gehabt hätte. Zugegeben, nicht jeder kann in einer solchen Situation etwas Gutes sehen, was auch verständlich ist, und gerade deshalb bin ich so bewusst dankbar, dass ich neben Trauer und Schmerz doch immer auch die kleinen Schönheiten des Tages sehen kann.  

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 7_8/14 von Michaela Herzog