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Bloß nie so werden wie sie! Viele erwachsene Töchter weigern sich, sich mit der Beziehung zu ihrer Mutter auseinanderzusetzen. Und übersehen dabei, dass die Biografie der Mutter der Schlüssel zum besseren Verstehen sein kann. Ein Gespräch mit der Schweizer Psychotherapeutin Julia Onken über sogenannte Rabentöchter, Mutterbilder und Lebensgeschichten.
MOTO_web-6416MOTO_web-6416MOTO_web-6416»Welt der Frau«: Frau Onken, glauben Sie, dass Mütter einer besonders strengen Beurteilung ausgesetzt sind?
Julia Onken: Auf jeden Fall, und zwar sowohl durch die Gesellschaft als auch durch die eigenen Ansprüche. Wir unterliegen doch alle weitgehend dem unglückseligen Muttermythos: Mütter sind fürsorglich, aufopfernd, immer liebend, unterstützend, immer hilfsbereit. Diese Eigenschaften zusammengefügt ergeben ein menschenverachtendes Programm. Bei diesem Maßstab kann eigentlich jede Mutter nur versagen. Trotzdem hält sich dieser Mythos, weil er garantiert, dass Mütter unter seinem Druck nicht die eigenen Bedürfnisse erfüllen, sondern sich in den Dienst der Familie und des Kindes stellen.

Trotz dieser gesellschaftlich als ideal definierten Eigenschaften werden Mütter so wenig wertgeschätzt.
Ja, das kommt noch dazu. Mütter vollbringen eine gigantische Arbeit. Die meisten versuchen ja in irgendeiner Form, diesem Mythos zu entsprechen. Doch genau betrachtet ist er die Aufforderung, gegen sich selbst zu arbeiten, sich selbst untreu zu werden. Denn welcher Mensch kann nur liebend, fürsorglich und unterstützend sein? Das ist gerade so, als ob es Regungen wie ungeduldig, ungehalten und ärgerlich sein oder aggressive Impulse nicht gäbe.

Das Schlimmste ist, von einer sich selbst aufopfernden Mutter zu sprechen. Nicht nur für die Mutter, weil es sie als Person gar nicht gibt. Sondern auch für die Kinder, für die das Opfer erbracht wird. Eine sich selbst vergessende Mutter will irgendwann, in irgendeiner Form Entschädigung für dieses wahnsinnige Opfer. Kümmert euch mehr um mich, ich habe so viel gegeben und ihr vernachlässigt mich! Das ergibt eine fatale Beziehungskollision, die immer zu größten Schwierigkeiten führt. Auf der einen Seite für die Töchter, weil sie sich schuldig fühlen für das, was die Mutter geopfert hat. Gleichzeitig wissen sie, dass ein geopfertes Leben durch nichts und niemanden rückvergütet werden kann. Das heißt, sie sind immer in der Schuld. Und auf der anderen Seite die Mütter, die alles geopfert haben, sich abhängig fühlen und dabei allen auf die Nerven gehen.

Vorwurfsvolle Blicke, unzufriedene Gesten oder ausgesprochene Forderungen wirken sich ungünstig auf eine Mutter-Tochter-Beziehung aus. Wie viel Offenheit und Ehrlichkeit verträgt diese?
Eine Mutter-Tochter-Beziehung verträgt sehr viel mehr, als man vermutet. Denn zu viel Unausgesprochenes tut nicht gut. Wenn ich wieder einmal ärgerlich bin über meine Mutter, weil ich mich zu einer Dienstleistung verpflichtet fühle, die ich zwar nicht erbringen will, aber dann doch ausübe, wird sich mein Groll in ein Wort, in eine Geste einnisten. Wenn er nichtoffen diskutiert wird, ist es schwierig, damit umzugehen. Mütter bewegen sich oft ihren erwachsenen Töchtern gegenüber so, als hätten sie einen Säugling in der Hand, den man nur ganz behutsam anfassen darf. Sie haben noch immer die Gebärden des Welpenschutzes in sich. Dabei wäre das Beste, was man Töchtern gegenüber tun kann, dass man ihnen Leben zumutet. Natürlich lässt sich nicht ein Knopf betätigen, der heißt: »Ab heute sage ich meiner Tochter alles, was ich denke.« 20 Jahre fern von sich zu leben, immer nur die Bedürfnisse der anderen zu erfüllen, da heißt es erst mal wieder zu lernen, zu den eigenen Wünschen zurückzufinden.

Was ist aber, wenn sich eine der beiden verweigert, ein offenes Gespräch zu führen?
Gerade dann sollte man in sich hineinhören und Gefühle wie Ratlosigkeit oder Wut darüber, dass sich eine dem Gespräch entzieht, aussprechen. Wenn Töchter mit ihrer Mutter sprechen wollen und diese nicht will, müssen sie etwas nachsichtiger sein. Gerade in der früheren Generation haben Frauen viel Beschämung im Zusammenhang mit Ehe, Sexualität, Schwangerschaft oder Abtreibung erlitten. Dann wollen sie darüber nicht reden. Das ist auch verständlich. Dann könnte man der Mutter sagen: »Ich würde so gerne wissen, was damals war, aber ich akzeptiere dein Schweigen.«

Auffallend ist für mich bei vielen erwachsenen Töchtern, dass sie ungebrochen hohe Erwartungen an ihre Mütter stellen. Fast wie kleine Kinder.
Ja (lacht), wie trotzige kleine Kinder. Ich will immer alles von dir.
Grundsätzlich kann man sagen, dass Menschen ein Leben lang Sehnsüchte haben in Bezug auf Anerkennung, besonders von Mutter und Vater. Doch wenn man erwachsen ist, müsste man bedenken, dass der Mensch, der biologisch die Mutter ist, mehr ist als das. Man sollte versuchen, sie zuerst als Mensch zu begreifen. Alte Fotos von der Mutter anzuschauen hilft dabei. In ein waches, neugieriges Gesicht der Zehnjährigen zu blicken, die so voller Lebensfreude, Hoffnung, voller Tatendrang die Welt erobern wollte. Warum ist sie trotz ihrer Wünsche, Pilotin, Ärztin oder Lehrerin zu werden, irgendwann in der Küche gelandet? Ich finde, es ist eine Tragödie für sich, wenn sich Vorstellungen von Verwirklichung, Lebensneugierde und Wissenshunger durch die Umstände des Lebens nicht realisieren haben lassen.

Was ändert sich, wenn Töchter beginnen, das Leben ihrer Mutter neu zu überdenken?
Viele Töchter wissen nichts über das, was ihre Mütter früher gerne wollten. Und sind erschüttert, wenn sie dann einem Menschen begegnen, der intellektuelle Neigungen und Begabungen hatte und die Welt erforschen wollte. Auf einmal sehen sie die Möglichkeiten, die ihre Mutter nicht verwirklichen konnte.
Meine persönliche Forderung heißt, Frauen sollen ihre Anlagen entfalten können und sollen nicht in die Mutterfunktionen eingesperrt werden. Das ist, als ob man sie in viel zu enge Kleider pferchen würde, die sie bewegungslos machen. Wenn Töchter erkennen, warum sich die Mütter innerhalb des Muttermythos mit eckigen Bewegungen bewegen, entsteht daraus zuerst eine große Erschütterung und dann viel Verständnis.

Geht es in einer Mutter-Tochter-Beziehung darum, die Ältere aus der Verachtungsecke zu befreien?
In der gesellschaftlichen Bewertung werden Mütter klar verachtet. Wer versucht, es einem auszureden, der soll sich die Fakten anschauen. Wie werden Mütter im Alter entschädigt? Wenn man sieht, dass Tagesmütter einen Stundenlohn von zwei bis drei Euro haben, braucht man nicht mehr dazu zu sagen.
Verachtung kommt aber zusätzlich noch von den Töchtern, die eine geknickte Mutter erleben, die nicht machen konnte, was ihr entsprochen hätte. Und wenn sich die Mutter dann noch dem Muttermythos angepasst hat, dann erlebt die Tochter eine Mutter, die sich zurückhält, sich aufopfert und nicht sagt, was sie denkt. »So wie meine Mutter möchte ich nie werden«, reagieren die Töchter, entgegen ihrem tiefen Wunsch, sagen zu können: »Diese wunderbare Frau ist meine Mutter, von der stamme ich ab! Sie ist mein Vorbild!«

Glauben Sie, dass es jungen Frauen an Vorbildern fehlt?
Wenn man weiß, dass der Mensch vorwiegend von Vorbildern lernt, dann weiß man auch über deren Bedeutung. Dass Töchter ihre Mütter nicht als Vorbild wählen, liegt doch auf der Hand. Sie sehen, welche Rolle Mütter spielen. Sie sehen, was sie rund um die Uhr leisten und dass sie dafür keinen Applaus bekommen.
Die Vorbildfunktion ist natürlich ganz entscheidend. Ich denke, deshalb kommt der Freundschaft unter Frauen in der Erforschung der weiblichen Identität eine große Bedeutung zu. Beste Freundinnen sind einander liebend und wohlwollend zugetan. Sie können oft dafür sorgen, dass weibliche Selbstentwertung gestoppt wird.