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...ich reite die Welle...

Haben Sie manchmal auch das Gefühl, sie würden im Alltag ertrinken? Er scheint wie eine Welle zu sein, eine Riesenwelle, die heranrollt, man sieht sie auch, aber man kann ganz wenig dagegen tun? Sie ist dann da und überrollt einen förmlich. Erfreulich, wenn sich nur die Welle über einem schließt und man nach kurzem Luftanhalten unter Wasser wieder ans glitzernde Tageslicht kommt. Schlimm, wenn die Welle unter sich noch einen heimtückischen Strudel verbirgt, der einen unter Wasser hält.

Manche Tage sind so, und irgendwie gibt es auch kein Entrinnen. Das macht die heranrollende Riesenwelle nicht gerade sympathischer. Fünf wichtige Termine, die den Broterwerb sichern (einer davon in der Hektik versehentlich dazwischen gerutscht, weil schnell und schlampig eingetragen … leere Kilometer also), Oma 1 zum Friseur bringen, Oma 2 zum Verbinden des Beines zum Arzt fahren, Oma 3 (aus einem früheren Leben, einer früheren Beziehung, Beziehung futsch, Oma noch da) zum Grab nach Eggerding fahren, wo Opa 3 ist, der seinen Sterbetag hat. Anzug aus Reinigung für Sohn holen, der am Wochenende wichtiges Vorsprechen hat, anstellen um Aktionskaffeemaschine beim Diskonter meines Vertrauens, weil die sonst alle weg sind um diesen Preis (und die alte rinnt), Wurstbrot Nummer 1 dazwischen schieben, auf Wurstbrot Nummer 2 hoffen, das sich vielleicht am Nachmittag einmal ausgeht. Ich hechtle dann auch noch schnell in den Bioladen um Tofuwürstchen, weil ich meine Vegi-Cousine erwarte, die ein Hochzeitsgedicht in Auftrag geben möchte, das ich selbstverständlich gratis machen werde, weil ich blöd bin, und sehe mich im Vorbeieilen in der Auslage. Dieser Percht da bin ich? Warum habe ich Zeit, Oma 1 zum Friseur zu fahren, für den eigenen Friseur geht es sich nicht aus? Die Welle des Grauens rollt mit großer Geschwindigkeit auf mich zu.

Ich rufe „STOPP“ und bin nicht bereit, noch tiefer im Strudel des Alltäglichen zu versinken. Ich bin Schriftstellerin, Künstlerin, eine Intellektuelle, da werde ich mich sicher weder vom Katzenklo putzen noch vom Vorhang flicken fertig machen lassen. Notbremse! Anker werfen! Ich schiebe zwischen mich und die große Welle einen Luft gefüllten Schwimmreifen, der mich über Wasser hält, fröhlich macht und den Alltag vergessen lässt. Ja, ich reite die Welle, und nicht sie mich! Ich rudere ins Trockene, das in meinem Fall „Kaffeehaus“ heißt, komme zur Ruhe, beobachte die Welle, die an der Außentür vorbei rinnt, und kaufe mir was Heißes, Süßes, Klebriges. Den Rest des Tages kann mir der Alltag den Buckel runterrutschen, denke ich, und schnappe mir eine der lehrreichen Frauenzeitungen, die schon heute weiß was Lady Erdäpfelschmarrn im kommenden Frühjahr tragen wird…

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