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Als ihre Schwester Biene vor zwei Jahren starb, war für Martina Prinz eines klar: »Ich werde für ihre Kinder sorgen.« Und von einem Tag auf den anderen war sie nicht mehr Tante Tina, sondern »Mutter« von zwei Buben. Seitdem hat sich vieles für die einstige Singlefrau geändert, die nun Alleinerzieherin ist.

 

Florens kommt mit fiebrigen Augen, zerrupften Haaren aus seinem Zimmer in die Küche, bittet um ein Glas Wasser und lässt sich müde auf dem braunen Ledersofa im Wohnzimmer nieder. Die Frau mit den rötlichen Locken, in der purpurfarbenen Strickweste und den schwarzen Jeans hüllt ihn in eine gelbe Decke, greift ihm auf die Stirn, gibt ihm Hustentropfenund steckt ihm das Fieberthermometer unter die Achsel. »Ich glaube, jetzt müssen wir doch noch zum Arzt. Aber erst wenn Laurenz aufgewacht ist. Der schläft noch und ist auch krank.« Alles wirkt ganz normal. Jede Berührung unverkrampft, vertraut. An den Wänden gerahmte Babyfotos von den beiden Jungs, in der Garderobe wechseln sich Kinder- und Erwachsenenjacken an den Haken ab, im Vorgarten liegt ein Fahrrad auf dem Rasen, die anderen beiden stehen im Radständer. Der Husten des neunjährigen Florens klingt bellend, Martina Prinz macht sich Sorgen ? wie jede andere »Mutter« auch. Nur, dass diese Frau eben nicht die leibliche Mutter der beiden Buben ist, sondern eigentlich die Tante ? Tante Tina. Martina Prinz spürt, dass die beiden Kinder bei ihr zu Hause sind:

Ich fühle mich heute nicht mehr als Tante, sondern als Pflegemutter.

VOM SINGLE ZUR ALLEINERZIEHERIN.

Im August 2009 ist die Mutter von Florens (9) und Laurenz (13), Schwester und immer auch beste Freundin von Martina Prinz, an einem Gehirntumor gestorben. Seither leben die beiden Jungs bei Tina. »Meine Schwester Biene hat mich vor vielen Jahren, als sie noch gesund war, einmal gefragt, ob ich ihre Kinder nehmen würde, falls ihr etwas zustoßen würde. Damals habe ich sofort Ja gesagt«, schildert Martina Prinz. Bis zum Tod von Sabine Belezanski war sie in ihrem Bekannten- und Verwandtenkreis als eingefleischter Single bekannt. »Ich habe die meiste Zeit alleine gelebt. Neben meinem Job als Lehrerin an einer Hauptschule habe ich eine Menge Ausbildungen gemacht, mich ehrenamtlich engagiert, war Frauenfunktionärin im ÖGB-Bildungspräsidium, habe Frauentheater gespielt, gesellschaftskritische und frauenpolitische Songs getextet und gesungen, ein Psychologiestudium absolviert. Ich habe sehr gerne studiert, da ich ein neugieriger Mensch bin und Herausforderungen liebe.« Die Herausforderung ist nun eine andere, das Arbeiten am Doktorat liegt auf Eis.

WIE SOLL ES WEITERGEHEN?

Schon vor der Krankheit ihrer Mutter hatten die Buben einen guten Draht zu ihrer Tante. Mit dem Ausbruch des Krebses hat Martina Prinz die beiden Buben wie selbstverständlich aufgefangen, Biene auf ihrem Weg bis zum Tod begleitet. Wie es mit den Kindern im Verlauf der schweren Krankheit von Sabine weitergehen sollte, wurde in dieser Zeit nie wirklich angesprochen. »Für eine Mutter ist es doch das Schlimmste, ihr die Kinder wegzunehmen. Das konnte ich meiner Schwester nicht antun«, schildert die Hauptschullehrerin. Kurz vor dem Tod von Biene hat Martina Prinz dann doch die Initiative ergriffen, hat sich bei den Großeltern und dem leiblichen Vater (mit dem Sabine nie verheiratet war) die Zustimmung zur alleinigen Obsorge geholt und ist mit dieser Nachricht am 8. Juni 2009 zu ihrer Schwester gefahren. »Ich hab mich zu ihr gesetzt, ihr noch sagen können, dass alles mit den Kindern geregelt ist. Sabine hat noch gesagt, ich sei die Richtige, und hat im nächsten Moment ihr Gedächtnis verloren, niemanden mehr von uns erkannt.« Laurenz und Tina haben unter anderem eine gemeinsame Beschäftigung das Lernen.

Das ist nicht gerade meine Sache und manchmal mühsam mit mir. Aber letztendlich bin ich froh, wenn Tina mit mir lernt.

WAS ESSEN KINDER MORGENS?

Der erste Tag als Mutter war der 10. Juni 2009. »Ich war völlig unvorbereitet. Plötzlich standen ganz banale Fragen im Raum: Was essen die Kinder morgens? Wie sieht eine Schuljause aus? Das klingt jetzt lächerlich, aber ich habe gemerkt: Da brauchen wir nun Säulen, an denen wir uns festhalten können«, erinnert sie sich. Die erste Säule war das gemeinsame Frühstück der drei Morgenmuffel. »Biene hat mit den Kindern nicht gefrühstückt, ich kannte das früher auch nicht. Doch seit dem 10. Juni frühstücken wir gemeinsam. Mittlerweile kann ich es mir nicht mehr ohne dieses morgendliche Ritual vorstellen. Wir starten mit viel mehr Kraft in den Tag. Zudem ist es spannend, was meine Jungs beim Frühstück so erzählen.«
Im August 2009 starb Sabine Belezanski. Aus der Singlefrau Martina Prinz, die nie den richtigen Partner für eigene Kinder gefunden hatte, wurde eine Alleinerziehende von zwei Kindern mit traumatischen Erfahrungen. Den Weg aus der Trauer haben sie gemeinsam und mit psychologischer Betreuung geschafft. Sie haben für Mama beziehungsweise Biene ein wunderschönes Grab ausgesucht, zusammen geweint, sind wütend gewesen, haben getrauert. Im Alltag ist Biene immer bei ihnen, neben dem Esstisch steht ein Foto von ihr. »Ich mache ihnen ihre Mutter nicht streitig. In der Öffentlichkeit sage ich, dass sie meine Söhne sind, denn sonst müssen wir immer wieder alles erklären.« Florens freut sich schaun den ersten gemeinsamen Urlaub.

Wir fliegen mit Tina nach London.

WACHSENDES VERTRAUEN.

Das Leben war nun für die Vollzeit-Lehrerin von völlig anderen Themen und Fragen bestimmt als bisher. Wie können Laurenz und Florens in ihren Schulen bleiben, damit sie nicht aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen werden? Wo gibt es Nachmittagsbetreuung? Wie regelt man mit dem Vater die Besuchszeiten? Wie geht man mit einem Jungen um, der gerade pubertiert? Wie geht man mit dessen ebenfalls pubertierenden Freunden um, die nun im Haus ein und aus gehen? Wie mit der neuen Redensart? Wann gehen Kinder ins Bett? Was tun, wenn einer der beiden nicht zum vereinbarten Zeitpunkt nach Hause kommt? Wie weit geht Kontrolle? Welche Strenge ist angebracht? Schwierig war und ist für die Pflegemutter die Einschätzung: »Was traue ich meinen Kindern zu, was nicht?« »Einerseits kann ich nicht wie wild alles kontrollieren, da würde ich nur Trotz und Aufbegehren provozieren. Andererseits ist Vertrauen doch etwas, das langsam wachsen muss. Oft bin ich aber selbst überrascht, wenn Gefühle, die ich hatte, sich als richtig herausgestellt haben. Dann weiß ich, dass ich meinem eigenen Gefühl doch ganz gut trauen kann und ich meine Jungs schon gut erspüren kann.«

WIE NUN ERZIEHEN?

Viele Probleme und Unsicherheiten hat Martina Prinz von Anfang an den Kindern gegenüber ganz offen ausgesprochen. »Dann war vieles auf einmal einfacher. Sie haben mich verstanden und mir geholfen. Sie haben mir gesagt, was meine Schwester gemacht hätte. Wenn es zu mir gepasst hat, habe ich es ähnlich gemacht.« In diesem Punkt kam es aber auch zu Konflikten. Denn nicht immer hat die Pädagogin alles so gemacht wie ihre Schwester. In solch einer Situation hat Laurenz einmal empört zu ihr gesagt: »Und ich habe geglaubt, du bist wie die Mama!« »Darauf habe ich ihm gesagt, dass ich eben nicht die Mama bin, auch wenn ich vieles von ihr übernommen habe. Ich bin die Tina und was ich mache, muss auch zu mir passen.«
Auch ist es gelungen, den leiblichen Vater ins Leben der Jungs einzubinden. Hier mussten Regeln aufgestellt, Kompromisse eingegangen werden. Jedes zweite Wochenende verbringen Laurenz und Florens nun bei ihrem Vater. »Mit ihm können sie ihre männliche Seite total ausleben. Oft gehen sie mit ihm zelten oder sind in der Natur unterwegs.«

VERÄNDERTER BLICKWINKEL.

Die Frage »Wie soll ich das schaffen?« hat sie sich nie gestellt. »Ich habe mich ab der ersten Minute mit den Kindern stärker gefühlt. Kinder und Menschen, die an einen glauben, sind etwas Stärkendes.« Ihr altes Leben hat die 47-Jährige hinter sich gelassen und ist in jenes ihrer Schwester eingetaucht. Das eigene, frühere Umfeld reagierte problematisch auf ihre neue Rolle. »Diese Menschen haben mich anders erlebt. Ich war frei, musste auf kaum jemanden Rücksicht nehmen, konnte mich jederzeit mit jemandem treffen. Ich war unbeschwert. Doch plötzlich hatte ich einen Rucksack umgehängt, der manchmal sehr schwer ist, den man aber nicht einfach irgendwo abstellen kann. Mutter ist man ?lebenslänglich?.« Die Inhalte des Rucksackes haben den Blickwinkel der Pädagogin verändert. »Ich bin halt nicht mehr unbeschwert. Meine Ängste und Sorgen sind hauptsächlich im Bereich der Entwicklung meiner Kinder angesiedelt.« Manche Menschen in ihrem bisherigen Umfeld konnten plötzlich mit Pflegemutter Martina nichts mehr anfangen. »Ich bin ihnen fremd geworden, vielleicht auch lästig. Mein damaliger Lebensgefährte hat mich mehrmals gefragt, ob ich weiß, worauf ich mich da einlasse. Ob ich das schaffen werde? Ich habe immer offen gesagt, dass ich das nicht weiß. Schließlich ist er gegangen.«

ICH BIN DIE TINA.

So hat sie den Freundinnenkreis ihrer Schwester übernommen. »Sie haben sich viel leichter getan, mich als ?Mutter? zu sehen. Und auch damit, mich zu motivieren. Sie haben mich vorher kaum gekannt und sehen mich als die, die versucht, den Kindern eine gute Mutter zu sein.« Ab einem gewissen Zeitpunkt sah Martina Prinz aber auch ein, dass sie darauf achten muss, sie selbst zu bleiben. Dass sie nicht die Person ist, die nur versucht, alles zu machen wie ihre Schwester. Es ist unter anderem passiert, dass Bienes Freundinnen zu ihr »Sabine« gesagt haben. »Ich musste immer wieder deutlich machen, dass ich nicht Sabine oder Mama bin, sondern die Tina.«

DAS SCHLECHTE GEWISSEN.

Mit ihrem Hineinwachsen in die neue Rolle kamen die im Kopf gespeicherten Klischees zum Vorschein. Beispielsweise jenes von der bügelnden Oma, die sich voll und ganz in den Dienst ihrer Familie gestellt hatte. Und schon war das schlechte Gewissen da. »So sehr ich mich immer mit Feminismus beschäftigt und aktiv für Frauenrechte gekämpft habe, so sehr habe ich plötzlich Druck gespürt. Den Druck, alles aufgeben und mich den Kindern widmen zu müssen.« Auch die Frage, die ihr nun oft gestellt wurde: »Arbeitest zu jetzt noch voll?«, hat ihren Teil zum schlechten Gewissen beigetragen. »Ich habe viele meiner Aktivitäten aufgegeben, mein Leben ist anders geworden, aber ich habe nicht alles aufgegeben.«
Nun war die Frage da, in welche Schublade sie als Mutter passte: Ist sie Rabenmutter, weil sie nicht alles zurückgestellt hat? Wie viel ist erlaubt, wie viel ist genug, wie wenig reicht ihr? »Letztlich war es ganz einfach. Meine Jungs leben in meinen Aktivitäten mit, so wie ich an ihren Aktivitäten teilhabe. Wir schauen uns viel gemeinsam an, gehen zusammen ins Theater und in Museen.« Früher tat sie das mit Freundinnen, heute sind auch Laurenz und Florens an ihrer Seite ? samt brüderlichen Rempeleien, Baseballkappen, Unter-Hüft-Hosen und coolen Kopfhörern um den Hals.

Dieser Baum spielte und spielt im Leben von Florens und Laurenz
eine wichtige Rolle. Mit ihrer Mutter Sabine waren sie dort oft picknicken.
Diese Tradition hält Pflegemutter Martina aufrecht.

WAS HEISST MUTTER-SEIN?

Mit einer Einstellung ihrer Mitmenschen wird die 47-Jährige immer wieder konfrontiert: »Du hast nicht geboren, du weißt also nicht, wie Mutter-Sein funktioniert.« Gerade dann, wenn sie in ihrer Erziehung konsequent ist, ist ihr schon vorgeworfen worden, eben doch keine Mutter zu sein, denn die würde auch einmal nachgeben. »Das ist sehr verletzend.« Schon oft hat sie sich die Frage gestellt: Was heißt eigentlich Mutter-Sein? »Mutter-Sein ist für mich die Haltung, zu meinen Jungs zu stehen, sie zu unterstützen, dort, wo sie meine Unterstützung brauchen und ich es alsaltersgemäß und im Hinblick auf ihre Entwicklung für zweckmäßig halte. Mutter-Sein bedeutet für mich, auch dann da zu sein, wenn niemand mehr da ist.«

WIR SIND NUN FAMILIE.

Blickt die Alleinerzieherin auf die vergangenen Monate zurück, so resümiert sie: »Im ersten Jahr spielt man Familie, im zweiten Jahr ist man Familie.« Ein wichtiges Ritual, das zu dieser starken Bindung zwischen den beiden Jungs und ihr beigetragen hat, war im ersten gemeinsamen Jahr das Vorlesen. Jeden Abend haben sie Stunden auf dem Sofa verbracht, sich zusammengekuschelt und sie hat ihnen Geschichten vorgelesen. Dann wurde ausgiebig gequatscht. »Das war ganz wichtig. Es hat uns Nähe gegeben und das Gefühl, wir gehören zusammen.«
Inzwischen wird nicht mehr gemeinsam gelesen, sondern mit dem Älteren gelernt und Florens liest selbst. Auch das wurde zu einem wichtigen Fixpunkt im Alltag der kleinen Familie. »Ich merke, wie wichtig diese Säulen, Traditionen, Bräuche sind. Sie geben uns Sicherheit. Gerade der Ältere fordert diese ein und dann spüre ich, dass sie bei mir zu Hause sind, meine Kinder.«

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 5/ 2011 – von Andrea Mann