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Mit „lieblich“, „brav“ und „nett“ hatten sie nichts am Hut. Sie waren unbequeme Mädchen, haben sich gegen das starre Elternhaus aufgelehnt, traditionelle Strukturen durchbrochen und sich ihre Freiheit erkämpft – jede auf ihre Weise.

Sie sollten nett, hübsch, hilfsbereit, fleißig in Schule und Hausarbeit sein. Den elterlichen Betrieb übernehmen, den Beruf lernen, den die Eltern als richtig sahen. Und sich natürlich an den Satz halten: „So was tut man als Mädchen nicht!“ Doch was, wenn die Antwort des lieben und braven weiblichen Nachkommen plötzlich lautet: „Warum nicht?“ Ein Reiben an starren Rollenbildern, ein Auflehnen gegen festgefahrene Strukturen. Noch vor 30 Jahren galten solche jungen Frauen, die plötzlich Kanten zeigten, als unbequem, schrecklich und lästig. Von den Eltern gab es dafür wenig Verständnis. Mutter und Vater waren früher Repräsentanten der traditionellen Ordnung. Sie waren die Exekutive, die die traditionellen Rollenerwartungen an die Mädchen herantrugen. Ein Eingehen auf individuelle Wünsche, Talente oder Träume war kaum möglich. Daher blieb vielen jungen Frauen, die aus diesen starren Geschlechterrollen ausbrechen wollten, meist nichts anderes übrig, als zu provozieren, ein Zeichen zu setzen. „Das ging damals fast nur, indem man von zu Hause auszog und einen radikalen Weg wählte, damit die Eltern es auch verstanden. Das hatte einen sehr starken symbolischen Charakter. Man wagte ein Experiment“, sagt Dr.in Beate Großegger. Sie ist wissenschaftliche Leiterin des Institutes für Jugendkulturforschung in Wien.

FRAUEN MIT ECKEN UND KANTEN
Sie weiß aus eigener Erfahrung, wovon sie redet. Die heute 46-Jährige war in ihren Jugendjahren als „Frust-Punk“ unterwegs. Meist schwarz gekleidet, in Hemden und Sakkos des Vaters. „Das war mein Protest. Solch kantige Frauenbiografien sind heute nur mehr selten anzutreffen.“ Warum auch? Denn die Vorgaben der Eltern sind heute vergleichsweise eher schwach. Eltern reagieren großteils verständnisvoll auf die verschiedenen Entwicklungsschübe ihrer Kinder. Sie geben ihnen Spielraum und lassen Selbstverwirklichung zu. „Früher war der Generationenkonflikt innerhalb der Familie auch politisch, im weiteren Sinne gesellschaftspolitisch. Diesen Konflikt gibt es heute nicht mehr. Wenn es in einer Familie Spannungen gibt, dann auf keinen Fall aus politischen Gründen“, sagt Großegger.

EIN KURZER BLICK WEIT ZURÜCK
Wie war das Mädchenbild eigentlich lange vor der Zeit, als sich Töchter wagten, konservative Strukturen zu hinterfragen? Im Spätmittelalter (12. bis 15. Jahrhundert) galt die Frau noch als Eigentum des Mannes. Dem Vater war es gestattet, seine Tochter zu verehelichen oder zu verkaufen. In Zeiten der Reformation (16. Jahrhundert) unterstanden alle Haushaltsmitglieder, wie Ehefrau, Kinder und Gesinde dem Mann. Er war Herr der Familie. „Wenn sie (die Frauen) aber außer der Haushaltung reden, so taugen sie nichts“, schrieb damals der Reformator Martin Luther. Zur Zeit der Aufklärung (18. Jahrhundert) stand Mädchen keine Bildung zu. „Ein Schöngeist ist eine Geißel für ihren Mann, ihre Kinder, ihre Freunde, ihre Diener, für alle Zeit“, ließ der Philosoph Jean-Jacques Rousseau verlauten. Zur gleichen Zeit forderte die Revolutionärin Olympe de Gouges gleiche Rechte für Mann und Frau, worauf sie hingerichtet wurde. Höhere Töchterschulen für die weibliche Jugend entstanden während der Industrialisierung (19. Jahrhundert). Aber nicht, um Bildung zu vermitteln, sondern zur Vorbereitung auf häusliche Wirtschaftsführung, Konversation und musische Betätigung.

WARUM KÄMPFEN?
Heute ist Bildung und das Verwirklichen von Lebensplänen für Mädchen und junge Frauen eine Selbstverständlichkeit. Das Institut für Jugendkulturforschung hat kürzlich im Rahmen einer österreichweiten Studie an 16- bis 29-jährige Frauen die Frage gestellt: „Was versteht ihr unter einer modernen jungen Frau?“ Am häufigsten wurde geantwortet, dass man als junge Frau „selbstbestimmt“ sein möchte. Gefolgt von „eigenständig“ und „beruflich selbstständig“. Begriffe, wie „unabhängig“ und „emanzipiert“, die wahrscheinlich ihre Mütter verwendet hätten, kamen kaum vor. „Viele junge Frauen sehen, dass sie es im Alltag vergleichsweise problemlos haben. Es gibt in manchen Bereichen nicht mehr den großen Anlass, zu kämpfen. Sie sind die Erbinnen der feministischen Müttergeneration. Sie können mit deren Grundhaltung nicht mehr viel anfangen, können das Umfeld, aus dem diese kämpferische Haltung entstanden ist, nicht nachvollziehen.“

SPÄTE SCHRECKLICHE MÄDCHEN
Mit Frauen, die etwas später in sich das „schreckliche“ Mädchen suchen und finden wollen, hat Edeltraud Haischberger in ihren Seminaren zu tun. Sie hat ihre Erfahrungen in ihrem Anti-Hascherl-Buch „Frau, stell dich auf die Füße!“ zusammengefasst und gibt darin Tipps, wie Frauen es doch noch schaffen können, aus jenem starren Gerüst auszubrechen, das ihnen in ihren jungen Jahren vermittelt wurde (Auszüge aus dem Buch auf Seite 18). Die 62-Jährige bezeichnet sich selbst nicht als schreckliches, aber als widerspenstiges Mädchen. Von ihrem Vater hat sie oft die Worte gehört: „Du bist so ein Widerpart, mit dir kann man nicht.“ (Spruch aus dem Salzkammergut) „Dieser Satz hat mich aufgestachelt. Ich glaube, ich bin mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein zur Welt gekommen. Ich hätte Bauernhof und Mietshaus meiner Eltern übernehmen sollen, bin aber mit 18 Jahren ausgezogen und nach Salzburg gegangen. Das hat meinem Vater sehr wehgetan. Aber ich hab mich abgenabelt, war damit zufrieden und im Einklang mit mir selbst.“

STÄRKE ODER BEWEISENWOLLEN?
Edeltraud Haischberger hat unterschiedliche Erfahrungen mit „schrecklichen“ Mädchen, die inzwischen erwachsene Frauen sind, gemacht. „Es gibt viele, die durch diesen Absprung Stärke bekommen. Und dann gibt es die, die etwas beweisen wollen. Die allen Ehrgeiz dafür einsetzen, um zu zeigen, etwas wert zu sein. Das hat dann nichts mit innerer Sicherheit zu tun. Da braucht es wieder Arbeit, bis sie bei sich ankommen.“ Bei dieser Arbeit gilt es, Muster, die in der Kindheit eingeprägt wurden, zu durchbrechen. „Früher stand das Brave, das Funktionieren im Vordergrund. Viele Frauen funktionieren bis heute. Sie haben bis ins hohe Alter nicht nachgedacht, was sie für sich selbst machen können.“ Auf die Frage „Was ist Ihr größter Wunsch?“ fällt vielen spontan „Gesundheit für die Familie“ ein. Aber nichts für sich selbst. „Ich hatte eine Seminarteilnehmerin, die 75 Jahre alt war. Sie hatte zu Hause einen großen Garten und immer viel Arbeit. Sie erzählte, noch nie in ihrem Leben einmal in ihrem Garten nur auf einer Liege in der Sonne gelegen zu haben. Sie musste lernen, sich das zu gönnen.“ Hier setzt Haischberger bei ihrer Arbeit an. Es wird danach gesucht, was Freude im Leben macht. „Mit der Freude kommt das Wagnis. Und mit dem Wagnis der Mut.“

KANTEN KOMMEN FRÜHER ODER SPÄTER
Mut, Wagnis und Kanten vermisst Beate Großegger bei den jungen Frauen von heute. Doch diese sind auch gefordert – auf eine andere Weise. „Das Gefühl, frei wählen zu können, ist in den Köpfen der Mädchen stark verankert. Dieses Gefühl hindert sie daran, Gesellschaft verändern und reformieren zu wollen. Doch spätestens beim Berufseinstieg kommt dann das große Aha-Erlebnis. Dann erkennen sie, wie knallhart die Realität funktioniert.“ Dass Männer in Führungspositionen unter sich bleiben oder bei gleicher Qualifikation mehr verdienen. Während es bei Chefs reicht, Entscheidungen tough zu treffen, wird von einer Chefin zudem soziales Einfühlungsvermögen und Beziehungskompetenz verlangt – sonst kommt sie in die Rolle der bösen Emanze. Und es wird die Erkenntnis gewonnen, dass es in Österreich noch immer so ist, dass Frauen in Karenz gehen und der Wiedereinstieg nach der Babypause schwierig ist. „Junge Frauen beginnen heute erst mit 30 Jahren, genauer hinzusehen. Dann fangen sie an, die Rollen aufzubrechen“, sagt Großegger.