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Ich weiche nicht mehr aus!
Pflichtbewusst, korrekt, perfekt: Das war Viktoria, 52, bis Körper und Seele sie ruhig stellten.

Kennen Sie das Gefühl, sich in der Früh vor dem Spiegel wie ein Clown ein publikumswirksames Gesicht zu schminken? Niemand sollte merken, wie schlecht es mir ging. Mir, die von klein auf scheinbar alles mit links gemacht hatte. Privat und beruflich. Alle in der Firma klopften mir auf die Schulter. Erfolg fühlte sich gut an. Noch dazu, wenn er mit Aufstieg und Gehaltserhöhungen honoriert wurde.

Zwei Unwörter gibt es in meinem Leben: Stress und Burnout. Doch was heißen sie schon? Es ist doch ganz individuell, was für den einen gesund ist und was dem anderen gar nicht bekommt. Man schmeißt doch auch nicht die ganze Obstabteilung in einen Korb und sagt dann pauschal: Obst ist für alle gesund. Ebenso ist es auch mit Stress. Wann hört er auf, motivierend zu sein und ungesund zu werden? Woran merkt man, dass die Belastungsfähigkeit überschritten ist? Natürlich, jeder von uns kennt Arbeitsphasen, in denen – zeitlich überschaubar – Hochleistungen zu erbringen sind. Ich war ständig bereit, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. An den wenigen freien Tagen ging mir die Firma nicht aus dem Kopf. Nachts konnte ich schon lange nicht mehr schlafen. Ich hatte nie gelernt, Nein zu sagen, um mich selbst zu schützen.

Du blamierst dich doch, wenn du sagst: „Ich kann nicht mehr.“

Leisten und Topsein im Beruf. Voller Ehrgeiz wollte ich nicht wahrhaben, dass meine Kraft ausging, dass ich meine Grenzen längst überschritten hatte. Ich hatte sie falsch berechnet. Erfahrung und Routine helfen eine Zeit lang darüber hinweg. Doch mein Arbeitstempo ließ sich nicht mehr erhöhen, die Arbeitsschritte sich nicht noch effektiver gestalten. Irgendwann wird es wieder leichter, redete ich mir ein. Wer außer mir hätte „Stopp!“ schreien können? Doch ich wusste nicht, wie. „Verschreiben Sie mir etwas, damit ich durchhalte.“ Mein kluger Hausarzt gab mir das einzig Richtige. Die Krankmeldung für den Arbeitgeber.

Schlagartig setzten die Schmerzen ein. Bis ich kaum mehr gehen konnte. Meine Verdauung streikte. Meine Stimme versagte. Körper und Seele legten mich sukzessive lahm.

Burnout, diagnostizierten die Fachleute. Heute denke ich, Gott sei Dank wird es so benannt. Feuer reinigt, was im Leben nicht mehr Sinn macht. Alte Denkweisen und überholte Lebensmuster brennen ab, aber unter extremer Hitze und unvorstellbaren Schmerzen. Mir fehlen die Worte, Panikattacken zu beschreiben, die von den verordneten Medikamenten ausgelöst wurden. Ich spürte mich nicht mehr, ich war nicht mehr ich selbst. Völlig außer mir. Nein, ich nehme diese Medikamente nicht mehr. Ich beschloss, sie zu verweigern. Ich war mündig genug. Von klein auf verantwortete ich Entscheidungen selbst.

Und ich begann, nach Auslösern und Ursachen zu suchen. Erstmals traue ich mich, meinen schweren Lebensrucksack von den Schultern zu nehmen. Der hat meinen Fall in die Tiefe beschleunigt. Wie viele geschätzte Kilos wiegt er wohl? Ich habe begonnen, ihn aufzuschnüren. Da drinnen sind Herkunft, Kindheit, Unerledigtes und viele Enttäuschungen. Gut verbarrikadiert, aber nur scheinbar vergessen. Nach längerem Suchen habe ich die richtige Therapeutin gefunden. Gemeinsam mit ihr nehme ich Stück für Stück in die Hand und entscheide, was ich noch brauche und was ich lassen will. Vor allem Frauen schleppen viele Traditionen mit sich. Das ist seelische Schwerarbeit, doch ich weiche meinen Emotionen nicht mehr aus. Ich will den richtigen Takt für mein Leben und die Arbeit finden. Und ich lerne, Grenzen zu ziehen.


Erschienen in „Welt der Frau“ 9/2012 – von Michaela Herzog