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„Ich will sagen können, was ich fühle.“

Vor zwei Jahren erlitt die 24-jährige Tanja Forster einen Schlaganfall. Die Ärzte versetzten sie in Tiefschlaf, prophezeiten ihren Tod. Doch sie erwachte, gefangen im eigenen Körper, und versucht nun ein neues Leben.

Es war ein Sonntag 2013, der ihr Leben schlagartig veränderte. Tanja Forster verbrachte ihn mit ihrem Freund, ihren drei jüngeren Geschwistern und Mutter Anna auf einem Spielplatz, als sie plötzliche Ohren- und Nackenschmerzen verspürte. Bis zum Abend kamen Übelkeit, Krämpfe, Lähmungserscheinungen und Taubheitsgefühle im Arm hinzu. Kurz dachte die damals 22-jährige Sekretärin an einen Schlaganfall, ließ diesen Gedanken aber wieder los: „Den bekommen ja nur alte Omis!“ Doch als sie nach einem Nickerchen registrierte, dass sie ihre Stimme verloren hatte, nicht mehr sprechen konnte, alarmierte ihr Freund sofort die Rettung.

Die Sanitäter vermuteten, Tanja habe Drogen konsumiert, und interpretierten ihre Sprachlosigkeit und das winselnde Weinen als hysterische Reaktion. Dabei hatte sie noch nie geraucht! Statt zu erfahren, was mit ihr geschah, lag sie panisch im Notarztwagen und musste wehrlos das unsensible Geschwafel der Helfer mit­anhören. Ihre Verzweiflung steigerte sich, als auch die Ärzte nach einem Routinecheck befanden: „Alles in Ordnung. Morgen ist noch genug Zeit für genauere Untersuchungen.“ Niemand bemerkte, dass Tanja inzwischen längst verstummt war.

LOCKED-IN-ZUSTAND
„Ihrer Tochter geht’s gut, sie schaut nur traurig“, meinte eine Krankenschwester, als Anna Forster am nächsten Morgen im Spital anrief. Doch als die 47-jährige alleinerziehende vierfache Mutter dort ankam, schlugen die MedizinerInnen Alarm: „Basilaristhrombose, also lebensbedrohlicher Hirnstamminfarkt!“ In Windeseile informierten sie Forster, dass dieses Areal Herzschlag, Atmung und jede Körperfunktion steuere und Tanja aus dem künstlichen Koma vermutlich nicht erwachen werde. Außer es geschehe ein Wunder. Dann jedoch werde sie in einem „Locked-in“-Zustand stecken. Anders als beim Wachkoma sind Betroffene hier zwar gelähmt und unfähig, sich sprachlich oder motorisch zu artikulieren, aber bei vollem Bewusstsein. Ohne künstliche Ernährung und sofortige physio-, logo- und ergotherapeutische Maßnahmen ist die Wiederherstellung der Selbstständigkeit nicht möglich. Und auch dann bleibt ungewiss, wie gut sich jemand regeneriert. Pauschale Erfahrungswerte gibt es nicht. Vieles hängt vom eigenen Willen ab.

Nach 48 Stunden öffnete Tanja tatsächlich ihre Augen. Orientierungslos fand sie sich zwischen Monitoren wieder, konnte nur noch blinzeln. Mit Leibeskräften prustete sie gegen den Intubationsschlauch, brüllte mit Blicken: „Lasst mich raus aus dieser Hölle!“ Doch niemand verstand ihre stummen Schreie und befreite sie. Da fiel ihr ein, dass sie angeschossen und verprügelt worden war. Doch diese Erinnerungen waren bloß bruchstückhafte Sequenzen eines Albtraums. Ihr Gehirn hatte sich in den zwei Tagen ein Hilfsszenario zurechtgelegt. Eine Art Erklärung und psychische Bewältigungsstrategie für den Wachzustand. Geholfen hat das nichts. „Ich träume nur, wache bestimmt bald auf“, beruhigte sie sich stattdessen. Sogar dann noch, als ihr bewusst war: Das ist ihre neue Realität. 

NEUES LEBEN
Zwei Jahre sind seither vergangen. Aus dem Locked-in-Zustand hat sich Tanja befreit, sie ist aber ein Pflegefall höchster Stufe und wohnt inzwischen in einem Wiener Pflegeheim. Als ich an ihre Zimmertür klopfe, surrt es hinter mir. „Wir haben eine Runde gedreht“, sagt ihre Mutter Anna und sieht stolz zu ihrer Tochter, als diese ihren Hightech-Rollstuhl selbstständig in die Garçonnière navigiert. Mit einem leisen Piepsen signalisiert sie uns, wir mögen folgen.

In der Mitte des Raums stoppt sie das Elektrogefährt und lugt hinter ihrer Modebrille hervor. Diese trägt sie erst, seit ihr neues Leben begonnen hat. Das Gestell schafft Abstand zwischen ihr und der rauen Wirklichkeit. „Schön, dass ich dich besuchen darf“, sage ich und streichle Tanjas Hand. Sie kann mir ihre nicht entgegenstrecken, auch nicht antworten. Doch ihr Blick verrät mir: Die Freude beruht auf Gegenseitigkeit. Stumm wandern ihre Augen durch ihr Balkonzimmer. Ich folge ihrer wortlosen Einladung und sehe mich um. Sofort fällt mir ihr Faible für Wand-Tattoos, Modeschmuck, Stofftaschen und Acrylbilder auf. Letztere gestaltet sie selbst. Mithilfe von TherapeutInnen ist das Führen eines Pinsels kein Problem.

Allein kann Tanja nur nach Gegenständen greifen, die unmittelbar vor ihr liegen. Eine Tortur für einen Menschen, der mit 17 von zu Hause auszog, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wenn Tanja etwas möchte, muss sie ihre Notrufuhr am Handgelenk drücken und die Krankenschwestern über Augenkontakt und schriftliche Anweisungen instruieren. Auf der Tischplatte ihres Rollstuhls kleben die Etiketten – „Bitte E-Book hinstellen“, „WC“, „Sitze schief“, „Fernbedienung“. Daneben steht ein Schnabelbecher. Weil Tanja oft weinte, wenn er umfiel, und sie nicht in der Lage ist, sich abzutrocknen, hatte ihre Mutter die Idee, ihn mit Klettverschlüssen zu fixieren. „Nun braucht sie nur am Strohhalm nuckeln.“

ZIRKUSPONY
Täglich eilt Anna Forster, die als Verkäuferin arbeitet, nach Dienstschluss zu ihrer Erstgeborenen, denkt und fühlt sich geduldig in sie hinein. Aufopfernd nimmt sie bürokratische Spießrutenläufe auf sich, um für Tanja die besten Reha-Behandlungen zu erkämpfen, zur Not auch mit saftigen Schreiben an den Ombudsmann. Denn eines ist Forster klar: „Tanja hat ihr Leben noch vor sich. Sie kann sich nicht dem Schicksal ergeben, ihre restliche Zeit im Pyjama verbringen.“ Eine Pflegerin habe das einmal so gewollt, weil es ihr zu umständlich gewesen sei, Tanja täglich frisch einzukleiden. „Das sei Luxus, motzte sie. Ich konterte: Ach so? Wechseln Sie denn nicht ihre Wäsche?“

Tanja, gerade gestylt in rotem Top und blauen Leggings, schnaubt amüsiert. Sofort ist klar, dass sie trotz Schweigens geistig voll präsent ist. Nichts tue ihr mehr weh, als wenn jemand sie wie Luft behandele, sagt ihre Mutter. Am besten integriert man sie durch Ja/nein-Fragen. Mit Nicken und Kopfschütteln kann sie reagieren. So rückversichert sich auch Anna Forster, was sie über die Tochter erzählen darf. Nichts passiert nämlich ohne Tanjas Zustimmung. „Ich bin ihr Sprachrohr, aber über ihren eisernen Willen verfügt sie selbst.“

Kommunikation ist die größte Hürde im neuen Alltag. Tanja denkt ja im gleichen Tempo, in dem wir sprechen. Noch dazu wolle sie alles gerne flott haben. „Wissen Sie, wie sie mich antreibt? Einmal suchten wir eine CD. Ich durchwühlte alle Läden und fand sie nicht. Sie saß zornig da und spitzte ihre Lippen: ,Pfff-pfff!‘ Mit diesem Fuhrkommando signalisiert sie mir: Hey, hör mir zu! Oft fühle ich mich wie ein Zirkuspony“, scherzt Forster. Tanjas Nasenflügel und Oberkörper beben vor innerem Lachen.

HUMOR HILFT
Nicht jeden erheitern die stillen Zurufe. Manche PflegerInnen sind verunsichert, haben Angst vor der 1,80 Meter großen „lebendigen Marionette“. Denn im Gegensatz zu lethargischen PatientInnen begehrt Tanja sehr wohl auf. Mit missbilligenden Blicken straft sie alle, denen es an Empathie mangelt. „Himmel, was treibt ihr mit mir?“ Diesen Gedanken hat sie nicht nur beim Klotransfer.

Bei der schambesetzten Körperhygiene und Intimpflege klinkt sich Tanja jedoch geistig aus. Und offenbar auch die männlichen Pfleger. „Wir haben schon Slipeinlagen unter statt in der Unterhose gefunden!“, schmunzelt Anna Forster. Auch Tanja hilft ihr Humor dabei, die Begriffsstutzigkeit der anderen zu ertragen und manche Stupidität im Lichte eines Kasperltheaters zu sehen. Just als Anna erheiternde Stumpfsinnigkeiten zum Besten geben will, tritt ein Pfleger ein. „Was willst du essen? Ein Wurstbrot?“, fragt er nervös. Tanja wendet langsam den Kopf hin und her. „Milchreis?“ Erneut vereint sie nonverbal. „Was willst denn?“, seufzt er verzweifelt und zischt ab. 

„Ein Paradebeispiel!“, feixt Anna Forster. Deshalb habe sie über dem Pflegebett Hinweiskärtchen angebracht: „Gesäß heben“, „Aufsetzen“, „Bitte durchlüften“. Kaum liegt Tanja nämlich, kann sie nur noch mit Blicken ihre Bedürfnisse mitteilen. Weil manche HelferInnen schon Kleinigkeiten nicht verstehen und spontanes Handeln für Tanja unmöglich ist, hat sie gelernt, vorausschauend zu planen. Haben zum Beispiel die Tollpatschigen Dienst, trinkt sie weniger, damit sie nicht so oft zur Toilette geschoben und auf den Sitz geschnallt werden muss. 

TanjaEIN ERSTES WORT
Seit einem Jahr verwendet Tanja auch eine Schreibtafel als Kommunikationsutensil. Neben Zahlen und dem Alphabet sind auch Wörter wie „ich“, „du“, „wer“, „wann“, „warum“ und „weiß nicht“ darauf notiert. Konzentriert fährt Tanja mit dem Zeigefinger über die Buchstaben. Ihre Mutter setzt sie lautmalerisch zusammen: Silbe für Silbe, Wort für Wort. Dass diese Interaktion so gut klappt, verdankt Tanja auch ihren Massagen und Akupunkturbehandlungen. Hätte sie diese nicht sofort in Anspruch genommen, hätte sich ihre steife Muskulatur zurückgebildet und den Körper deformiert. Nerven brauchen Stimulation. 10.000 Wiederholungen sind nötig, damit sich neue Synapsen bilden. Langsam kehren auch Tanjas Stimmkraft und Sprechvermögen zurück. „Mama“ war ihr erstes Wort.

Mit unglaublicher Zähigkeit nimmt sie ihre Aufgabe an. Statt sich abzuschotten, nimmt sie aktiv am Leben teil, schöpft Glauben und Kraft aus dem Wissen, „wie es sein kann“. Familie und FreundInnen geben Tanja eine Perspektive, schleppen sie zu Konzerten, ins Kino und vergnügen sich mit ihr auf Partys, die ihr Exchef für sie schmeißt. Erleben kann man auch ohne Worte. Allmählich entwickelt Tanja sogar Gelassenheit, wenn sie beim Aussteigen aus dem Auto Staus hinter sich verursacht. Anna Forster freut’s: „Ich sag immer: Pfeif drauf, nichts muss dir peinlich sein! Zum Leben braucht’s eine gewisse Wurstigkeit.“

EXTREME EMOTIONEN
Einfach ist diese mentale Umstellung für Tanja nicht. Schließlich tickt sie wie zuvor. Auch ihre verschlossene, distanzierte Haltung gegenüber Männern gibt es noch. Ihre Schutzmauer, die sie schon als Kind nach der Scheidung ihrer Eltern aufzog, ist nach dem Koma und der Trennung ihres Freundes sogar noch gewachsen. Nie wieder will sich Tanja verlieben, schreibt sie auf ihre Tafel. „Ich mag nicht auch noch auf einen Partner Rücksicht nehmen müssen.“ Eines jedoch hat sich verändert. Sie hat ihre alte Angst vor Gefühlen verloren. Trauer und Wut nimmt sie jetzt an. Aufgrund ihrer physischen Starre scheint sie fast gezwungen, ihr Innenleben lebendig zu gestalten. Ihre Emotionen kippen dabei schnell. Von einem Extrem ins nächste.

Durch einen grunzenden Laut, der vielleicht Lachen ist, reguliert sie Freude und Unsicherheit, durch Tränen Bedrücktheit und Rührung, wenn sie sich zutiefst verstanden fühlt. „Dachtest du jemals: ,Lieber wäre ich tot‘?“, frage ich. Schmerzlich verzieht Tanja ihr Gesicht. Ihr Mund ist schreiend weit offen, aber es folgt kein Ton. Als ihr ihre Mutter die Nase putzt, gluckst sie wieder und seufzt tief. Ich habe das Gefühl, dass es ihr nun reicht. Anna Forster hält mich zurück: „Tanjas Körper holt sich mehrmals am Tag so viel Sauerstoff. Es gibt keinen Grund, aufzubrechen. Wenn sie will, dass jemand geht, blickt sie stur zur Tür. Das hat jeder noch verstanden.“

Erschienen in „Welt der Frau“ 06/15 – von Petra Klikovits