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Ihr Mann verdient doch gut!
Christiane wollte mit 50 Jahren einen neuen Job finden. Vier Jahre hat ihre verzweifelte Suche gedauert.

Du wirst dich doch dem neuen Chef anpassen können! Warum stellst du dich so an? Magenbeschwerden, Schlafstörungen und ständige Kreuzschmerzen. Ich konnte nicht mehr. Tu’s endlich, sagte mein Mann. Voller Zuversicht und guten Mutes ging ich, knapp 50, nach der Kündigung wieder auf Arbeitssuche. Als gelernte Buchhändlerin mit langjähriger Erfahrung im Assistenzbereich, als Mutter von drei Kindern, die zehn Jahre bei den Kindern daheimgeblieben war. Auf jedes Stellenangebot in Tageszeitungen und Internet reagierte ich mit größter Sorgfalt. Viel Zeit verging mit individuell abgefassten Bewerbungen, in denen ich exakt Bezug nahm auf das verlangte Anforderungsprofil. Doch zu Vorstellungsgesprächen kam es nicht.

Mein Bewerbungsmarathon nahm seinen Lauf. Mein Optimismus bekam zwar Kratzer ab, aber meine Lebenserfahrung, dass es immer wieder recht geworden ist, wollte ich mir nicht nehmen lassen, von einem Arbeitsmarkt, der Menschen über 50 nicht mehr will. Ja, das Alter. „Sie haben doch einen gut verdienenden Mann.“ Den beschwichtigenden Ton meines Arbeitsmarktberaters werde ich so schnell nicht vergessen. Sollte ich ihm erklären, dass ich finanziell auf eigenen Beinen stehen will? Dafür bin ich wirklich zu alt. Bei jeder Bewerbung habe ich nachtelefoniert. Ansprechpersonen haben sich verleugnen lassen, oder mir wurde mit sanfter Stimme mitgeteilt, dass es bis zur Entscheidung noch dauern kann. Oder, bezogen auf mein Alter, dass ich nicht ins Unternehmensbild passe. Und keinen akademischen Grad vorweisen könne. Solche Aussagen trafen mich immer. Weil ich damit auf meine 54 Jahre reduziert wurde. Meine Fähigkeiten dabei völlig unwichtig waren. Ich begann, trotz beigestelltem Foto, mein Geburtsjahr wegzulassen, das sich auch vom Alter meiner Kinder leicht ablesen ließ.

Mein Lieblingsspruch lautet: „Hinfallen, aufstehen, Krone richten und weitermachen.“

Zuerst unbemerkt machte sich Niedergeschlagenheit in mir breit. Nach zwei Jahren ohne Arbeit schlug sie in pure Verzweiflung um. Bereits am Vormittag spielte ich sinnlos am Computer die Zeit tot. Pläne und Erledigungen schaffte ich nicht mehr. Wenn mein Mann mich sehr sachte am Abend fragte, was ich den ganzen Tag getan habe, explodierte ich. Oder ich suchte nach Ausreden. Auf jedes „falsche“ Wort aus meiner Umgebung reagierte ich beleidigt, gereizt und streitsüchtig. Dabei ständig den Tränen nahe. Zu nichts mehr nutze? Ich hatte keine erfüllende Aufgabe. Hausarbeit, die Familie bekochen, Wäsche waschen, bügeln … das stellt mich nicht zufrieden.

Wie viele Bewerbungsschreiben ich in vier Jahren geschrieben habe? Viele Hunderte, ich habe sie nicht gezählt. Bis ich über Bekannte eine Arbeitschance bekam. Ich war so siegessicher. Nach Tagen kam endlich der Anruf. Die Absage hat mich zusammenbrechen lassen. Was mache ich bloß falsch? „Mama, du gibst dein Bestes, die Absage hat mit dir als Person nichts zu tun.“ Meiner ältesten Tochter gelang es, meine Sicht wieder zurechtzurücken.

Jetzt, nach vier Jahren, habe ich einen Job in der Information eines Shoppingcenters. Meine Kolleginnen sind sehr viel jünger. Mein gefordertes Gehalt, das etwas über dem Angebotenen lag, wurde genehmigt. Unter dem Motto „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ wurden auch die Gehälter meiner Kolleginnen dem meinem entsprechend erhöht. Mit der Arbeitssuche mache ich trotzdem weiter, mit einem erprobten langen Atem.


Erschienen in „Welt der Frau“ 10/2012 – von Michaela Herzog