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Im Hinterland der winzigen Geräusche

Doris Knecht ist ein großer Name in Österreich: Ihr Roman „Gruber geht“ wurde prämiert und verfilmt, ihr Kolumnen in „Falter“ und „Kurier“ lesen sich gut, machen sie als „die Knecht“ bekannt. Das könnte in eine ungerechte Richtung wanken, denn allzuschnell wird Journalistinnen, die Bücher schreiben, unterstellt, sie nutzten ihre Bekanntheit aus. Knecht kann schreiben. Knecht kann gut schreiben und Knecht graust sich nicht vor Abgründen.

Also raus aus der Stadt, raus aus dem stylischen Umfeld, raus aus dem selbst inszenierten Leben, das Ton in Ton Richtung Erfolg, nach ganz oben gerauscht ist. Doch es waren die falschen Männer im Bett und die falschen Kundinnen im Atelier, das weiß Marian heute. Marian, die eigentlich Marianne heißt, aber dieser Name passt nicht in die Großstadt und taugt nicht zum Label. Marian schon: Sollte sie heute wieder zur Marianne werden, die im geerbten, runtergekommenen Tantenhaus die Vorräte aufisst und ein Verhältnis mit einem hat, der ihr Holz bringen lässt. Nein, nicht selber bringt, da gibt es schon noch graduelle Unterschiede, Franz ist ein wohlhabender Bauer, er lässt Marian das Holz bringen. Gut so.

Früher hat die erfolgreiche Designerin Zeit gehabt über die Farbe ihrer Bettwäsche – schiefergraue und sandbeige Leinenlaken waren angesagt! – nachzudenken, heute liegt sie im Flanell der Tante, auch das geerbt. Die Handyrechnung zahlt ihr die Schwester, die die Familienidylle lebt und manchmal zu lang mit ihr telefonieren will. Ja, sie ist abgestürzt. In der Liebe und mit ihrem Konto, mit dem zu großen show-room, mit Fremdwährungskrediten, mit dem falschen Freund. Marian hat sich ihren Ruf erschneidert, ist von ihrer Linie nur einmal abgewichen und das war das eine Mal zu viel: Eine C-Promi-Kundin hat ihre Änderungswünsche angemeldet, hat das Reine, das Reduzierte aus Marians Entwurf Stich um Stich, Naht um Naht hinausgezahlt. Das verzeiht die Schickeria nie und wenn dieser Fehltritt dann auch noch in den Medien erscheint, was heißt erscheint, aus den Medien rausbrüllt – Marian gräbt jetzt einmal Kräuter aus der Erde, muss sich beruhigen.

Doris Knecht lässt ihre Heldin das Umland erobern, da liegt der Alte besoffen auf der Bank und schläft seinen Rausch aus, bis das Auto der Schwiegertochter vorfährt und ihn einlädt. Nicht als Einladung, als Zusammenpacken, Wegpacken und Wegfahren, bis zum nächsten Morgen, wo der Altbauer seiner reschen Schwiegertochter wieder abhaut. Da sind die alten Weiber, die ihre Kräutergärten immer aufräumen und noch nie über die Farbe ihrer Bettwäsche nachgedacht haben. Der Roman erzählt von einer starken Frau, die sich sucht, nicht freiwillig zwar, aber beharrlich und die sich findet.

„Im ersten Winter hatte es Tage und Abende und Nächte gegeben, da wollte sie sich das Leben nehmen. Da hatte sie darüber nachgedacht, mit welcher Methode sie sich wegmachen würde, was ihr am besten entspräche … Ein weicher, warmer Tod, ein Hinüberdämmern. Endlich eine Lösung.“

Doris Knecht:

Wald.

Roman.

Berlin: Rowohlt 2015.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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