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Im Kleinsten steckt das Größte

Susanne Türtscher hat ihre Berufung gefunden. Kaum jemand kennt sich mit Kräutern so gut aus wie sie. Und sie ist stolz darauf, ein bisschen etwas von einer Kräuterhexe in sich zu tragen.
Irgendwo muss es stecken, das Geheimnis. Hinter den Büschen oder unter den Steinen, in den verborgenen Senken, wo Leinkraut und Wundklee blühen. Susanne Türtscher ist sieben, als sie zum ersten Mal über die Wiesen der Alpe Klesenza streunt. Ihre Eltern haben die Hüttensiedlung unter der Roten Wand auf einer ihrer Bergtou­ren entdeckt: der perfekte Platz für den Familienurlaub. Fortan packen sie ihre Kinder nach Schulschluss ins Auto und übersiedeln von Lustenau ins Große Walsertal, wo sie sich bei den Almbauern einmieten. Susanne ist verzaubert, daran erinnert sie sich bis heute: so viel zu entdecken und zu erkunden. Und dazu nichts, was sich ihrer Fantasie in den Weg stellt.

58_1_C5A8173Susanne Türtscher KLEINTINKTUREN, TEES UND SALBEN
Susanne Türtschers Augen blitzen, wenn sie davon erzählt. Die Ferien auf der Alpe Klesenza waren für sie die helle Freude. Zufall, dass sie durch ihre Heirat in Buchboden gelandet ist, einem Dorf am Fuß der Klesenza? Hier hat sie ihre Berufung gefunden. Susanne Türtscher gilt weithin als kluge, ja geradezu weise Frau. Kaum jemand, der sich mit Kräutern so gut auskennt wie sie. In Seminaren gibt sie ihr Wissen weiter, in ihrem Haus stellt sie Tinkturen, Tees und Salben aus all jenen Pflanzen und Wurzeln her, die sie auf den Bergwiesen gesammelt hat. Eine Kräuterhexe? Sie schmunzelt. Ja, kann schon sein. Die Bezeichnung hat für sie nichts Despektierliches, im Gegenteil. Die „hagazussa“, wie die Hexe im Mittelalter geheißen hat, ist eine, die über den Zaun schaut und in mehreren Welten daheim ist. „Ein bisschen davon zu haben, darauf bin ich stolz.“

Buchboden liegt auf 900 Meter Höhe. Die wenigen noch verbliebenen Bauern des Ortes setzen auf die Fleisch- und Milchwirtschaft. Auch die Türtschers haben einen Hof mit Mutterkuhhaltung. Die Arbeit mit den Tieren ist Teil von Susannes Alltag, zusammen mit ihrem Mann und den fünf erwachsenen Töchtern. Vor vier Jahren ist ihr ein zweites Zuhause zugefallen. Es liegt ein Stück oberhalb des Dorfes, direkt neben dem Mühlbach. Hier haben früher einmal die Müller gewohnt. Inzwischen ist das kleine Gehöft Susanne Türtschers Rückzugsort und zugleich der Treffpunkt, wenn sie ihre Kräuterseminare abhält oder zu Medizinwanderungen startet. Vom Garten aus schaut sie direkt hinüber auf die Alpe Klesenza. 

DIE HEILKRÄFTE DER KRÄUTER
Die Gespräche mit dem Vater und dem Großvater und die erlebnisreichen Almsommer haben jene tiefe Verbindung mit der Natur gestiftet, aus der Susanne Türtscher bis heute schöpft. Als es um ihre Berufswahl ging, schien die Ausbildung zur Floristin naheliegend. Doch sie bemerkte schnell, dass es ihr zu wenig wurde, dekorative Gestecke zu entwerfen. Die unscheinbaren Pflanzen hatten es ihr angetan, alles, was am Wegrand wächst und kaum wahrgenommen wird. In der Folge beschäftigte sie sich intensiver mit den Heilkräften der Kräuter. Sie ging alten Überlieferungen nach, sprach mit kundigen Menschen und vertiefte sich in die einschlägige Literatur. Susanne Türtscher ließ sich zur Kräuterpädagogin ausbilden und lädt seither zu Exkursionen auf die Alm. Dort lernt man die alpinen Pflanzen kennen, sammelt ihre Wurzeln und Blätter, verkostet sie und verarbeitet sie schließlich weiter.

Aroma und Heilkraft der Bergkräuter sind über der Waldgrenze stärker ausgeprägt als unten im Tal. Ihre Konzentration ist deshalb so hoch, weil diese Pflanzen den Wind, die Kälte und die Sonneneinstrahlung potenziert erfahren und sich oft genug wehren müssen gegen die Erosion. Wer beobachtet, welch widrigen Umständen sie trotzen, der kann erahnen, wie viele wertvolle Kräfte in ihnen stecken. „Die Almen gehören zu den wenigen unversehrten Gegenden, die wir noch haben“, so Susanne Türtscher. „Das sind unsere Ressourcen, und die sollten geschützt bleiben für alle, die Sehnsucht haben nach so einem Platz, an dem man Antworten findet auf die wesentlichen Fragen unserer Existenz: Woher komme ich, wohin geht es? Was macht mich aus? Die Kräuter können da Brücken schlagen.“ 

58_C5A8104 Kräuterfrau Susanne Türtscher KLEINEIN FESTES FUNDAMENT
Brücken schlagen und Verbindungen schaffen zwischen der äußeren und inneren Realität: Auch das sieht Susanne Türtscher als Teil ihrer Arbeit. „Der Gesundheitsbereich boomt, in Zeiten persönlicher Krisen sind wir ja hellhörig für Naturthemen. Ich denke, dass Kräuter ein Spiegel sind für unsere eigenen Lebensmuster, ein Resonanzraum.“

Unlängst ist Türtscher mit ihrer Gruppe schon vor dem Morgengrauen über die taufrische Wiese spaziert, bis ein Meisterwurzgarten erreicht war. Dort hat sie alle aufgefordert, dem Geruch und der Gestalt dieses Doldenblütlers nachzuspüren, um eigene Empfindungen in sich aufzunehmen und zu deuten. Ähnliches hat sie regelmäßig mit dem Frauenmantel versucht, einem Rosengewächs, das bei schwer heilenden Wunden helfen kann, bei Darmbeschwerden, Menstruationsproblemen und drohenden Fehlgeburten. Es ist eines der „Frauenkräuter“, wie die Volksmedizin weiß. „Doch bedeuten kann das so vieles: Bei der einen Frau geht’s um den Schutzmantel oder darum, dass sie ihr verwaistes Kind bergen sollte, bei der anderen um das Thema ,Fruchtbarkeit‘ oder um einen seelischen Bereich, der ausgetrocknet ist.“

Susanne Türtschers Gedankengebäude steht auf einem festen Fundament. Mit Esoterik habe das nichts zu tun, das sagt sie sehr bestimmt. „Ich mag es nicht, wenn man mich in die Schublade des Kräuterweibleins steckt“, erklärt sie. „Zum Kräuterwissen gehören die Mythologie, die Poesie und die Einsichten in das Schamanische dazu. Das ist ein weiter Raum, den ich da betreten habe.“

DAS GOLD DER PFLANZEN
Das inspiriert. Und so hat Susanne Türtscher vor einigen Jahren die Initiative „Alchemilla“ gegründet, um sich mit anderen kräuterkundigen Frauen auszutauschen. Der Name der Gruppe ist Programm. „Alchemilla“ ist nicht allein die lateinische Bezeichnung für den Frauenmantel, der auf den Almwiesen des Biosphärenparks Großes Walsertal üppig blüht. Das Wort verweist auch auf die AlchemistInnen und jene Zeit, da man dem Traum anhing, aus Pflanzen Gold zu gewinnen. Das Tröpfchen im Herzen der Alchemilla, der Morgentau also, inspirierte die damaligen ChemikerInnen und PharmakologInnen, bei Tagesanbruch auf die Wiesen zu ziehen, um diesen Tropfen in Glasgefäßen zu sammeln und so zu versuchen, Gold zu gewinnen. „Uns Kräuterfrauen beschäftigt diese Vorstellung im übertragenen Sinn“, so Susanne Türtscher. „Ob wir eine Lotion oder ein Salz herstellen oder eine Medizinwanderung einläuten: Wir wollen vom Gold der Pflanzen erzählen.“ Da gibt es den Spitzwegerich, ein probates Mittel, wenn man sich im Freien verletzt hat oder von einer Biene gestochen worden ist: Seine Blätter wirken wie ein Pflaster. Als Sirup wirkt der Spitzwegerich schleimlösend bei festsitzendem Husten und lindert Entzündungen der Atemwege. Oder das Johanniskraut: Es hilft bei Melancholie und depressiven Stimmungen, löst Krämpfe und hat eine stark durchblutende Wirkung.

58_C5A8094Susanne Türtscher KLEINErfahrung und Umsicht sind Susanne Türtscher wichtig. Sie pflückt ihre Almkräuter immer mit der Hand und hebt die Wurzeln mit einem Holzstück oder einem Hirschhorn aus dem Boden. Eingelegt in ein Gemisch aus Wasser und Alkohol werden sie über Monate hinweg gehätschelt, ehe sie weiterverwendet oder in Fläschchen abgefüllt werden: Stark verdünnt dienen sie als Arzneien. Die Menge mache das Gift, erklärt Susanne Türtscher, und beruft sich darauf, dass „gift“ im Englischen „Geschenk“ bedeutet. Entsprechend sorgfältig beachtet sie die Dosierungen. „Es gibt ja eine Reihe homöopathischer Mittel, die man aus Bergkräutern herstellt. Der Eisenhut ist die giftigste Pflanze, die man in den Alpen findet. Richtig dosiert kann man ihn bei Herzrhythmusstörungen einsetzen.“ 

DIE TRADITION EHREN
Meisterwurz, Johanniskraut oder Dost waren früher beliebte Hilfs- und Zaubermittel, um sich gegen das Dämonische zu wappnen. Das sei Aberglaube, sagt Susanne Türtscher dezidiert. „Diesen Zugang zu den Kräutern habe ich überhaupt nicht.“ Und doch greift sie ganz selbstverständlich auf überlieferte Traditionen zurück. Früher gingen die Menschen nicht einfach auf die Wiese, um sich dort zu bedienen. „Sie sind den Pflanzen auf einer anderen Ebene begegnet: Sie sahen sie als Wesen.“ Sie vertrauten ihnen, baten sie voller Demut um Hilfe. In diesem Schritt lag der erste Heilungsprozess. „Das möchte ich vermitteln.“ Um sich so einer Lebenswelt, die fragil geworden ist, neu zu nähern.

„Im Klännö ischt das Gröoscht vrborgo“, sagt Susanne Türtscher in ihrem melodiösen Alemannisch: Im Kleinsten liegt das Größte verborgen. Ihr Credo. Und da ist es dann wieder: das Verborgene, das Geheimnis, dem Susanne Türtscher schon seit Kindesbeinen und den Sommern auf der Alpe Klesenza auf der Spur ist. An ihm und an den Kräutern wächst sie. Noch sind längst nicht alle Rätsel gelöst. Und vielleicht ist das auch gut so.

Susanne Türtscher
www.crescenda.at,
www.alchemilla.at,
www.grosseswalsertal.at/Landingpages/Alchemilla

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 05/15 – von Susanne Schaber