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In der Wüste, am Meer
In St. Peter-Ording ist der Horizont ein Strich. Doch das macht nichts, denn wenn anderswo die Höhe beeindruckt, ist es hier die Weite, die Tiefe des Raums. Begegnungen mit dem intensiven Nichts.

Durch eine indirekt angeheiratete Verwandtschaft kommt es, dass ich hin und wieder in den hohen deutschen Norden fahre. Von Hamburg aus, das ja schon ziemlich weit oben liegt, braucht der Zug noch einmal drei Stunden, um sich in diesen schmalen Endzipfel Deutschlands, Schleswig-Holstein, hochzuarbeiten, der dann irgendwann in Dänemark übergeht. Rechts und links der Bahngeleise grasen Schafe und Heidschnucken, und die Landschaft ist so platt, als hätte jemand sie mit einer Wasserwaage angelegt. Es gibt hier wirklich nicht die kleinste Erhebung. Man sieht Felder, Windräder, Horizont und weiter nichts. Der Zug passiert Orte, die sich Elmshorn nennen, Heide oder Lunden, bevor er dann in Husum scharf nach Westen abbiegt zur Nordsee hin. Dort liegt St. Peter-Ording.

Die Menschen im Norden, so sagt man, seien wortkarg und stur. Tatsächlich sind auch meine Bekannten hier sehr klare Charaktere. Sie kennen keine Zweifel und antworten stets mit festem Ja oder Nein. Angesichts der Landschaft kann man das verstehen. Immerhin steht hier oben nichts herum, hinter dem man sich verstecken könnte. Der Blick ist frei, über Kilometer hinweg, da wird kaum überraschend etwas um die Ecke biegen. Absolute Klarsicht. Die schon sehr betagte Dame, die ich hier besuche, thront mit schlohweißem Haar in ihrem Wohnzimmersessel wie ein Kapitän oder ein alter König. „Früher habe ich dich ja nicht gemocht“, sagt sie. Das ist nicht freundlich, jedoch ehrlich.

IMMER GEHT WIND
St. Peter-Ording aber liegt am Meer. Deshalb ist der Ort berühmt, er zieht sich mächtig in die Länge mit seinen kleinen roten Backsteinhäusern und hat satte zwölf Kilometer Strand. Plötzlich kehrt sich komplett um, was vom Zug aus noch bedrückend flach und eintönig gewirkt hat. Denn die Weite, die sich hier erstreckt, ist atemberaubend. Immer weht ein Wind, oft rau, und vom Deich aus geht der Blick ins Unendliche.
Das Besondere an der Nordseeküste sind die starken Gezeiten und das Watt. Das Meer zieht sich – im südlichen Ortsteil Böhl – bei Ebbe kilometerweit zurück, ist kaum zu sehen am Horizont und hinterlässt eine flache, scheinbar endlose Sandfläche, in der sich SpaziergängerInnen, Kite-Surfer, ReiterInnen und Badegäste als kleine Punkte verlieren. Menschen stören hier kaum, selbst in der Hochsaison wirkt der Strand nicht wirklich voll.

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Erschienen in „Welt der Frau“ 10/16 – von Andrea Roedig