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Clownerie ist subtile Kunst – sie wird zunehmend auch von Frauen ausgeübt.
Lila Monti

„Von Kindern müssen wir lernen“, meint Clownfrau Lila Monti, die als minimalistische Rebellin gegen Konventionen gilt.

Im Publikum sitzen großteils erwachsene Frauen, wenn Clowninnen spielen. Erst seit den 50er-Jahren dürfen diese das nämlich. Davor waren jahrzehntelang Männer in die Rolle der weiblichen Bevölkerungshälfte geschlüpft – allerdings nur auf der Bühne. Hier, und nicht im Zirkus oder Kindertheater, ist denn auch der Ort der Clowns und Clowninnen, sei die Bühne in der Stadt, im Slum oder auf dem Dorfplatz in Afrika. Denn Clownerie ist Kunst, also individuell, und es ist eine Art Psychotherapie, daher stehen Emotionen und oft Intimes im Mittelpunkt. Die Clownvorstellung als Katharsis. Dieses reinigende Gewitter wird in einer großen Portion Humor verpackt.

STACEY AUS SÜDAFRIKA
„Ich bringe Leute gerne zum Lachen und mag es, wenn ich Licht in schwierige Situationen bringen kann“, schildert Stacey Sacks. Deshalb hat sie in den vergangenen Jahren mit den „Clowns ohne Grenzen“ in Schweden gearbeitet. Die Organisation, die auch in Deutschland, Südafrika, Kanada oder den USA existiert, tourt in krisen- und kriegsgebeutelte Länder. In der Hoffnung, dass die Menschen und speziell Kinder in Syrien, Palästina, im Sudan, auf Haiti oder in Thailand so ihre Lage besser ertragen.
Welche Möglichkeiten gibt es, um in den traumatischsten Situationen und Erfahrungen von Menschen Humor zu finden? Das ist das Hauptanliegen der Künstlerin Stacey Sacks. Ihre Show mit dem englischen Titel „I Shit Diamonds“, im Deutschen mit „Ich scheide Diamanten aus“ umschreibbar, hat mit Kinderunterhaltung ganz und gar nichts zu tun. Geboren in Simbabwe im Süden Afrikas, habe ihre Familie „zum Glück“ das Land längst verlassen, erzählt sie. In ihrem „Diamanten“-Stück arbeitet sie sich an Simbabwes Präsident Robert Mugabe ab, der den Namen „Mugabatokwe“ verpasst bekommt.
Den allmächtigen Diktator, der sich auf Kosten der Bevölkerung bereichert und u.a. den Krieg im Kongo unterstützte, nennt die Clownin in Anspielung auf die ethnischen Säuberungen „den traurigsten und glücklichsten Reiniger“ von „Congolababwe“. Die humanitäre Krise in ihrem Geburtsland, diese für sie „besondere Lebenstragödie“, versuche sie mit Humor zu verarbeiten, erläutert Sacks. Die zierliche Frau tritt denn auch mit dickem Schnauzbart und rosa Staubwedel auf. Das zentnerschwere Thema schultert sie mit scheinbarer Leichtigkeit, ihre gekonnten Slapsticks erzwingen es geradezu, dass das Publikum trotz allem lacht. Jedenfalls hierzulande.

Stacey Sacks

Stacey Sacks arbeitet sich als Clownin ebenfalls an einem Tyrannen – an Simbabwes Präsident Robert Mugabe – ab und könnte das Stück in ihrer südafrikanischen Heimat wohl kaum zeigen.

LILA AUS BUENOS AIRES
Gesellschaftskritischen Themen verschreibt sich auch Lila Monti aus Buenos Aires. In ihrer letzten – „Povnia!“ betitelten – Show sieht sich die Clownin Una gezwungen, ihr geliebtes Heimatland Povnia zu verlassen. Mit wenigen Habseligkeiten bepackt, begibt sie sich auf eine Reise, auf er sie alles neu erlernen muss: Sprache, Konventionen und Regeln. Sie verliebt sich in diese Welt und macht dabei die Erfahrung, dass Verlust und Schmerz sie ebenso weiterbringen können.
„Meine Themen sind Freiheit, Regeln, Grenzen und ihre Sinnhaftigkeit“, sagt Lila Monti. Die Frage, was Clownerie bedeutet, beantwortet sie so: „Das bist du ohne soziale Schichten.“ Menschen tun bestimmte moralische und rationale Dinge, und diese zu entfernen sei die Absicht der Clowns. „Clowns sind nicht unmoralisch, sie sind amoralisch.“ Sie setzen sich über moralische Konventionen hinweg – auch ohne rote Nase, die sie meist nur bei den Proben tragen. „Für alles gibt es Etiketten. Wir müssen effizient sein, erfolgreich. Warum erwarten wir von den Menschen, dass sie ihr ganzes Leben gleich sind? Warum legen wir die Regeln nicht neu fest?“, argumentiert Monti engagiert. „ClownInnen sind AnarchistInnen. Sie ermöglichen dir, dass du ganz du selbst sein kannst.“
Insofern trägt jeder Mensch einen Clown in sich. „Dieses Unschuldigsein ist das wichtigste in der Clownerie.“ Die argentinische Star-Clownin betrachtet daher Kinder als „Clown-Meister“, weil sie „so ehrlich“ seien. „Von ihnen müssen wir lernen, wir versuchen, unsere verlorene Kindheit zurückzugewinnen.“ Wie selbstverständlich bringt sie also auch ihr elf Monate altes Töchterchen zum Interview in Wien mit. Und von ihrer Tochter hat sie in ihrem Beruf ebenfalls profitiert.
Durch die emotionale Bereicherung der Geburt sei sie jetzt eine bessere Clownin, meint Monti. Schließlich sei das Publikum wie ein Baby: „Man kann es nicht kontrollieren. Deshalb ist die Brücke zwischen ClownIn und ZuschauerInnen so wichtig. Man muss für den Dialog mit ihnen offen sein, ihre Reaktion aufnehmen und ihnen von der Bühne etwas zurückgeben.“ Und mit unvorhergesehenen Emotionen umzugehen hat sie in der elfmonatigen Mutterschaft eingehend trainiert. „Ich bin jetzt nicht mehr so gestresst auf der Bühne.“
Lila Monti und Stacey Sacks nahmen Ende 2012 am Wiener Festival „Clownin“ teil. Es ist nach Andorra und Rio de Janeiro das weltweit dritte Clownfrauenfestival, das seit 2006 jedes zweite Jahr stattfindet.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 2/2013 – von Heike Hausensteiner