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Vom Aufblitzen des Glücks in völlig unerwarteten Momenten – oder: Was aus dem Zorn zu lernen ist.

Sie brüllte wie am Spieß. Natürlich hatte unsere Tochter in den zweieinhalb Jahren ihres Lebens schon viele Male gebrüllt. Vor Müdigkeit, vor Hunger, aus Trotz, vor Schmerz. Wir wussten ihr Schreien zu lesen, wir wussten, es würde schnell vorbei sein. Dieses Mal war es anders. Ihr Schreien schwoll an, es wurde lauter, es bekam einen wilden, pumpenden Rhythmus. Die Tränen spritzten ihr aus den Augenwinkeln, und sie hörte nicht mehr auf. Es war ein früher Abend, sie lag auf unserem Bett, wir hatten ihr gerade den Pyjama angezogen, und sie entwand sich jeder Berührung wie ein Aal. Sie brüllte. Wir redeten ihr gut zu. Sie brüllte. Wir versuchten, sie aufzuheben und zu halten. Sie brüllte noch lauter, stampfte und trat nach uns. Es kam der Moment, in dem sie so völlig in ihr Schreien eingesponnen war, dass man sie nicht mehr erreichen konnte. Chancenlos. Sie schien nur mehr aus Brüllen zu bestehen. Zehn Minuten lang, eine Viertelstunde, zwanzig Minuten. Es hörte nicht auf.

Was war passiert? Mein Freund, der eindeutig der souveränere, gelassenere Elternteil von uns beiden ist, war vollkommen perplex. „Nein, nein, nein“, sagte er zu mir, „das gibt es nicht. Es muss ihr etwas wehtun.“ Er war in Sorge, und er hatte Angst. Noch einmal wiederholte er in das taub machende Brüllen hinein: „Es muss ihr etwas wehtun.“ Unsere Tochter war ein kleines, brüllendes Bündel in einem weißen Pyjamaanzug mit lila Sternen. Sie japste, sie keuchte, sie schlug um sich.

Ich hätte auch in Sorge sein sollen. Aber das war ich nicht. Stattdessen war alles in mir auf ruhige, geordnete Weise an seinen Platz gerückt. Was los war? Ich wusste es ganz genau. In diesem Tornado konnte ich mich vollkommen angstfrei bewegen. Nicht, weil ich plötzlich die Nervenstärkere von uns beiden gewesen wäre. Einfach nur, weil ich das, was hier passierte, in- und auswendig kannte. Ich war auch so ein kleines Mädchen mit blindwütigen Zornanfällen gewesen. Ich hatte nur bisher nicht gewusst, dass dieses tausendmal selbst erlebte Gefühl von blinder, hilfloser Wut, diese verheerende Gemengelage aus Aggression und Bedürftigkeit jemals zu irgendetwas gut sein würde. Dass es mich – unbemerkt – zu einer Expertin auf dem seltsamen Gebiet des Tobsuchtsanfalls machen würde. Jetzt plötzlich verstand ich das, weil ich zum ersten Mal auf der anderen Seite des wilden Zorns eines Kindes, meines eigenen Kindes, stand und mich nicht einfach umdrehen und weggehen konnte.

Statt mich zu ängstigen, freute ich mich. So sicher war ich mir noch selten gewesen. Ich wusste: Es gibt nichts, absolut nichts zu tun. Es geht vorbei wie ein ohrenbetäubender Wolkenbruch in den Bergen. Sie nimmt dabei keinen Schaden, man darf sie nur nicht allein lassen. Man muss dableiben und hinschauen. Denn vielleicht kann man ein Hölzchen in die Speichen dieses führerlos und ohne Bremsen bergab jagenden Wagens werfen. Vielleicht kann man sie irgendwann sogar aufheben und drücken – nicht wie „bändigen“, sondern wie „Halt geben“. Und wenn nicht, dann muss man es aussitzen. Es gibt für diesen Sturm keine Regeln. Es gibt nur Erfahrungen damit. Solche wie meine.


Erschienen in „Welt der Frau“ 78/2013 – von Julia Kospach