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Irrtum auf den erste Klick

Man kann mit diesem Roman einsteigen. Dann lernt man Harry Hole mit seiner Frau und deren Sohn, einem angehenden Polizisten, beinahe gemütlich kennen. Harry trinkt Tee, besucht seine Lieblingskneipe, um Espresso zu genießen und ist mit seinem Job als Privatdozent für Kriminologie glücklich. Soweit einer wie er überhaupt glücklich sein will oder kann. Und jetzt kommt dieser Fall rund um Onlinedatings daher, unverhofft, unerwartet, zum unpassenden Zeitpunkt.

Die brutalen Morde an Frauen verstören die ehemaligen Kollegin Harrys, irritieren auch ihn und rufen all die alten Freunde auf den Plan: Die Bestie muss gefasst werden. Harry Hole, Spezialist für Serienmörder, kann es dann doch nicht lassen und stellt sich als Berater für die Aufklärung der Vampiristen-Fälle zur Verfügung.

Sowohl das private Netz des Starermittlers und mittlerweile trockenen Alkoholikers als auch die Geschicke seiner engsten Freunde kommen hier deutlich zur Sprache. Da ist die Tochter seines Kollegen und besten Freundes, die seit einem einschneidenden Erlebnis sehr zurückgezogen lebt, kaum mehr kommuniziert, vor Sorge um ihre Eltern keine Nacht ruhig schlafen kann. Da ist der Arzt, der ruhelos im Krankenhaus Menschenleben retten will und dabei unkonventionelle Methoden anwendet, da ist der Psychiater, der sich für Vampiristen interessiert. Und da ist ein gelangweiltes Ehepaar, er will Minister werden und sie glücklich, zwei Interessen, die sich auszuschließen scheinen.

Es hieß, Onlinedating sei das Nonplusultra, um jemanden kennenzulernen, und dass man sich dafür längst nicht mehr schämen müsse, da das ja alle täten. Aber das stimmte nicht. Menschen trafen einander auf der Arbeit, im Lesesaal der Uni, bei Freunden, beim Training, in Cafes, im Flugzeug, Bus, Zug. Sie begegneten sich, wie es sich gehörte, entspannt, ohne Druck, mit einer romantischen Illusion von Unschuld, Reinheit, in einer Laune des Schicksals. Sie wollte diese Illusion, wollte ihr Tinder-Konto löschen. Das hatte sie sich schon oft vorgenommen, aber dieses Mal würde sie es wirklich tun. Noch an diesem Abend. (S. 13)

Nesbo singt in jedem Roman ein Hoch auf die Sonderlinge, die Mutigen, die sich nicht anpassen, die einsamen Wölfinnen und Wölfe, seine Sympathien liegen bei Harry, bei der jungen Journalistin, die über Nacht berühmt werden soll, bei der stillen Tochter des Freundes, dem jungen Barkeeper, der noch so viel lernen muss. Nicht bei Karrieristen, die andere ausnutzen, ist Harry Hole zu Hause, er pfeift auf seine Karriere und auch auf seinen Ruf und ja, er trinkt wieder mal, nur so kann er die Bilder des neuen Falls aus dem Kopf bekommen. Kurz nur, das weiß er, bevor er losgeht und alles aufklärt. Harry Hole ist nicht Superman, er ist grantig, nachtragend, romantisch und der Liebe seines Lebens tief verbunden. Er bringt den Mörder zur Strecke, während sich – und das auf der letzten Buchseite – ein neuer Verbrecher aufmacht, ihm weiterhin das Leben schwer zu machen.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Stimmung, Spannung, Charaktere, Schleimscheißer, Menschen, die man ins Herz schließt und solche, die man nicht über die Schwelle lässt, Lust darauf, über Schuld und Sühne nachzudenken, knappe, treffende Dialoge, klug inszenierte Fährten und ermittlerische Umwege.

 

Jo Nesbo, Jahrgang 1960, ist Schriftsteller, Musiker und Ökonom. Er zählt zu den erfolgreichsten Kriminalautoren.

Günther Frauenlob, Jahrgang 1965, übersetzt seit 20 Jahren aus dem Dänischen und Norwegischen.

Jo Nesbo:

Durst.

Ein Fall für Harry Hole.

Kriminalroman.

Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob.Berlin: Ullstein 2017.

619 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“