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Wir planen Tage, Wochen, Jahre mit dem Gefühl, das Leben im Griff zu haben. Unsere Erwartungshaltung ist groß. Doch ist das Leben nicht stärker, als das, was wir mit ihm vorhaben?

Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne machst.“ Der britische Musiker John Lennon, Sänger und Gitarrist der unvergesslichen Popgruppe „The Beatles,“ hat diese Zeilen kurz vor seiner Ermordung im Dezember 1980 geschrieben. Er wurde herausgerissen aus einem Leben voller Pläne und Ideen.
Wie Recht er doch hatte, denken wir und schmieden weiter unsere Pläne und setzen neue Ziele. Pläne geben unserem Leben Struktur. Sie weisen in eine Richtung und versprechen Sinn. Ist das Ziel erreicht, erhält unser Selbstbewusstsein einen befriedigenden Kick. Ob es nun fünf Kilos sind, die wir abnehmen oder das Training für einen Halbmarathon, den wir durchhalten wollen, das Erlernen eines Instruments oder ob wir uns vornehmen, in zwei Jahren befördert zu werden. Ein guter Plan kann neben anderen Faktoren wie Können, Wollen, Übung und Ausdauer zum erwünschten Erfolg verhelfen.
In unserem verdichteten und beschleunigten Leben scheint vieles planbar zu sein. Das Gefühl, alles im Griff zu haben, gibt Sicherheit. Ohne Pläne würden wir ziellos herumirren oder uns im Kreis drehen. Im Supermarkt, am Bahnhof, bei den vielen Entscheidungen, die das Leben an uns stellt. Ohne Orientierung lebt es sich schwerer. Nicht zu wissen, wo es weitergeht, ob es besser ist, sich nach rechts oder links zu wenden oder doch einen Schritt zurückzugehen, irritiert. „Pläne erweitern unsere Selbstbestimmung und drängen Fremdbestimmung etwas in den Hintergrund,“ erklärt Trainer und Autor August Höglinger.
Unabhängig davon, ob wir 30, 50 Jahre oder älter sind, aus Erfahrung wissen wir: auf Querschüsse des Lebens kann sich niemand vorbereiten. Sie können die besten Pläne mit einem Schlag zunichte machen, das verletzt und stößt uns an die Grenzen unseres Einflusses. Wie eine Trennung, Scheidung, Arbeitslosigkeit, der Tod der Partners, der Geschwister, die Erkrankung der Eltern oder ein eigenes körperliches Leiden. Anderes bleibt unverhofft aus: eine Schwangerschaft, eine Hochzeit, ein Studium, eine Führungsposition.
Doch müssen es nicht immer tragische Erlebnisse sein, die uns zum Nachdenken bringen. Manchmal ist es ein inneres Bedürfnis, das uns „zwingt,“ Pläne, Ziele und den Sinn unseres Lebens umzudenken. Die Fragen aus vergangenen Kindertagen „Was willst du einmal werden? Wie willst du einmal leben?“ stellen sich abgewandelt mit unbekannter Dringlichkeit. Die herausfordernde Suche nach neuer Balance beginnt.

WEGWEISER DES ALLTAGS.
Ich möchte ein Studium beginnen. Ich will eine Familie gründen. Ich möchte beruflich weiterkommen. Es sind Impulse, Leidenschaften oder Wünsche, die uns anregen, Pläne auszuarbeiten, die uns zum ersehnten Ziel führen. „Die meisten Menschen wünschen sich, glücklich und erfolgreich zu sein. Sie würden gerne mehr dafür tun, wenn sie nur wüssten wie. Aber natürlich gibt es auch solche, die keine Lust haben ihr Leben in die Hand zu nehmen. Sie erwarten, dass ihnen die guten Dinge einfach so zufliegen. Nur, von nichts kommt nichts. Ohne Anstrengung gibt es zumindest keinen dauerhaften Erfolg,“ sagt die Psychologin Eva Wlodarek, Autorin des Buches „Tango Vitale. Von Schicksalsschlägen und anderen glücklichen Umständen.“ „Das A und O für einen Lebensplan ist, sich selbst gut zu kennen.“ Wegweiser, um Lebensaufgaben herauszufinden, können Fragen sein wie: Was fällt mir leicht und macht mir Freude? Was sind meine Träume? Welchen Herzenswunsch habe ich? Wo erwarte ich Erfolg? In welchem Bereich ersehne ich Glück? Gerade beim Formulieren von Lebensplänen, so die Psychologin weiter, „ist es entscheidend, sie nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen zu erstellen.“
„Kluge Menschen führen eine Wunschliste,“ ergänzt Coach August Höglinger. Oder stellen eine Wunschbox auf, die sie mit Anregungen, Träumen und Ideen füttern. Was sie damit tun? „Immer wieder nachschauen, welche Lebensthemen sich wiederholen und welche Wünsche dahinter stecken.“ Sind sie Launen des Moments oder in sich stimmig? Schade, wenn diese ein Leben lang im Kopf formuliert verbleiben würden. Viel besser wäre doch, sie auf ihre reale Haltbarkeit hin zu überprüfen. Dazu braucht es die Bereitschaft, Herausforderungen anzunehmen und gewisse Risiken einzugehen. „Die größte Angst vieler Menschen besteht darin, an der Umsetzung von Plänen zu scheitern.“ Aus Furcht, nicht zu bestehen und zu versagen, werden Vorhaben oft nicht angegangen. „Wer nie etwas probiert, nie eine Herausforderung annimmt oder ein Abenteuer wagt, verschenkt viele Chancen und das Glücksgefühl, über sich selbst hinausgewachsen zu sein“, so Höglinger. Vor Rückschlägen ist niemand sicher. Doch im Gegensatz zu jenem, dessen Pläne nicht aufgegangen sind, hat der Erfolgreiche trotz Misserfolgen nicht aufgegeben, sondern sich andere Pläne überlegt und sich gleich an die Arbeit gemacht.

GENAU INS SCHWARZE GETROFFEN?
Unsere Erwartungshaltung an das Leben, verwöhnt von Spielräumen und Wahlfreiheiten, ist enorm. Bis vor wenigen Jahrzehnten galten die Lebenswege vieler Menschen als vorgegeben und kaum verrückbar. Im Vergleich dazu heißt es heute: Wählen aus unzähligen Möglichkeiten. Wer aber zu viele Ziele zu erreichen versucht, kann Gefahr laufen, den Überblick über deren Planung zu verlieren. Die Enttäuschung, keines der Ziele zu erreichen, ist vorprogrammiert. Brauchen Pläne und Aktivitäten eine Richtung, um sich nicht in einem Zickzackkurs oder auf Umwegen zu verlieren? „Die meisten Menschen schießen mit ihren Gedanken und Vorhaben irgendwo hin, um dann nach einiger Zeit die Zielscheibe genau dorthin zu hängen, wo sie hin getroffen haben,“ weiß Trainer August Höglinger. „Je konkreter ein Ziel formuliert ist, desto mehr Lust macht es, es zu erreichen.“ Fehlschüsse können Fragen nach unserer Zielsicherheit in Gang setzen. War die Einstellung falsch? Wo lässt sich eine Korrektur anbringen? Ist das noch die richtige Richtung zum Ziel? Kann  es sein, dass die „alte Schale des Lebens“ zu eng geworden ist? Vielleicht musste sie zerbrechen, um die Chance auf Neues möglich zu machen?

GELASSENHEIT UND VERTRAUEN.
Jeder von uns schreibt am Drehbuch des eigenen Lebens, gemeinsam mit einigen Co-Autoren, die manchmal mehr als wir in Szenen eingreifen, Rollen streichen, Charaktere hinzufügen und einen ganz anderes Ende bestimmen. „Aus einem tiefen Vertrauen in das Göttliche, oder für Menschen, die mit Gott wenig zu tun haben, aus einem tiefen Vertrauen in das Leben,“ meint August Höglinger, „glaube ich, dass es uns dorthin bringt, wo wir hin wollen.“ Gelassenheit ist dabei ein probates Mittel, um unser Leben aus einer neuen Perspektive betrachten zu können. „Sie ist uns nicht in die Wiege gelegt,“ schreibt die deutsche Psychotherapeutin Ursula Nuber in ihrem Buch „Das 11. Gebot.“ „Wenn wir lernen, das Leben in bestimmten Situationen auch mal zu lassen, wie es kommt, kommen wir zur Ruhe.“ Angesichts von großen Erwartungen und vielfältigen Anforderungen eine hohe Kunst? Doch statt aussichtslose Kämpfe gegen Windmühlen zu führen, plädiert Ursula Nuber für Zeit, „um herauszufinden, wo und wann sich unser Einsatz wirklich lohnt, was wir uns wirklich zumuten können und wollen.“
„Es ist wie es ist bedeutet das Schicksal in Demut anzunehmen.“ August Höglinger sieht darin die größte Herausforderung an die Größe und Reife des Menschen. Trotzdem darf Leben gut weitergehen. Unter neuen Bedingungen und aller Kraft, voller Neugierde und mit vielen Plänen. In dem Wissen: ihre Erfüllung liegt letztlich nicht in unserer Hand.