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Jeta Xharra

Mutig und unerbittlich zeigt eine Frau die Missstände im Kosovo auf. Jeta Xharra lebt für den investigativen Journalismus. Ihre Begeisterung
für Wahrheit und ziviles Engagement steckt auch andere an.

„Jeta“ bedeutet „Leben“, und so lautet zugleich auch der Vorname einer der einflussreichsten Frauen im Kosovo. Jeta Xharra ist weder Politikerin noch eine reiche Investorin. Als Moderatorin einer TV-Diskussionssendung und als Direktorin des unabhängigen Journalistennetzwerkes BIRN bewegt sie jedoch vieles. Mit beeindruckend tiefer, lauter Stimme spricht sie über die Missstände in ihrem Land.

Als Mutter frustriert Xharra besonders das schlechte Bildungssystem. Dabei hat der Kosovo die jüngste Bevölkerung des Balkans: 50 Prozent der KosovarInnen sind unter 25 Jahre alt. Viele von ihnen sind arbeitslos, und das ist ein weiteres großes Problem des kleinen Landes: Die Wirtschaft kommt einfach nicht in Schwung.

„Wir müssen im echten Leben wirksam sein “, so erklärt Jeta Xharra ihre Auffassung von Journalismus. Seit zwölf Jahren moderiert sie das wöchentliche Politmagazin „Jeta në Kosovë“ – „Leben im Kosovo“. Umweltsünder, korrupte Eliten, SteuerbetrügerInnen werden hier öffentlich auf ihre Taten angesprochen. Auch Tabus, wie die Vergewaltigung Tausender Frauen im Krieg von 1999, werden aufgegriffen. Kämpfer der UÇK, die nach Kriegsende ihre Waffen niederlegten und Politiker wurden, drängte Jeta Xharra, Rechenschaft gegenüber den BürgerInnen abzulegen. Unerschrocken nahm sie von Anfang an die Mächtigen in die Mangel.

„Unsere Waffe ist das Wort, und das fürchten hier viele …“ sagt Jeta ­Xharra. Ihre Hartnäckigkeit brachte ihr 2009 auch Morddrohungen ein. Eine regelrechte Hetzkampagne wurde von einer regierungsnahen Zeitung und mehreren TV-Sendern gegen sie und ihr Team betrieben. Amnesty International und andere Menschenrechts­organisationen berichteten damals und lösten auf internationaler Ebene eine Welle von Protesten aus, die ­Xharra wohl das Leben retteten. Tatsächlich passieren im Kosovo immer wieder „Unfälle“, in denen zum Beispiel wichtige ZeugInnen von Kriegsverbrechen „verschwinden“. Die Wirksamkeit und Energie eines großen Netzwerks erwies sich für Xharra als äußerst kostbar. So setzt man auf Kooperationen und das Internet als Medium.

„Auf unseren Rechtsstaat ist kein Verlass!“ lautet ein weiterer Vorwurf Xharras, und das wurde auch in der Hetzkampagne gegen sie deutlich. Der Staatsanwalt wollte ihr nicht helfen, aus Furcht, selbst unter Druck zu geraten. Also wurde eine eigene Rechtsabteilung beim BIRN-Büro in Pristina geschaffen. Fix angestellte JuristInnen geben auch den ermittelnden JournalistInnen die Gewissheit einer Absicherung. Vor sechs Jahren entwickelten die umtriebigen Medienleute rund um Jeta Xharra ein weiteres Fernsehformat: „Justiz im Kosovo“. Weiterlesen in der Printausgabe…

Jeta Xharra studierte Dramaturgie in Pristina, wandte sich aber 1998 dem Journalismus zu. Für die BBC war sie anfangs Übersetzerin, später Büroleiterin im Kosovo und ging schließlich nach London, um „War Studies“ am King’s College zu studieren. Heute leitet sie in ihrer Heimat das Mediennetzwerk BIRN und ist Chefredakteurin von „Pristina Insight“. In „Jeta në Kosovë“ tritt sie im TV auf, um den Kosovo für ein besseres Morgen zu rüsten.

Die Reise der Autorin wurde teils von der ADA finanziert.

Erschienen in „Welt der Frau“ 09/17

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