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Jetzt sind wir weniger allein

Senioren-Wohngemeinschaften sind ideale Quartiere zwischen daheim und Heim. Einzelzimmer bieten Privatsphäre, Gemeinschaftsräume sozialen Anschluss und sie sorgen für einen launigen Lebensabend.

Ein moderner Architekturkomplex erstreckt sich auf dem Grundstück der Mühlgrundgasse 3 in Wien-Donaustadt. Mehrere Generationen leben hier unter einem Dach. In einer der 54 barrierefreien BUWOG-Wohnungen ist der Samariterbund eingemietet und betreibt dort seit drei Jahren eine betreute Senioren-WG. 400 Quadratmeter stehen acht PensionistInnen gegen Miete zur Verfügung – inklusive großzügiger begrünter Terrasse. Gekannt haben die sechs Frauen und zwei Männer einander vor ihrem Einzug nicht. 

48_MG_4958Ihre Biografien und gesundheitlichen Beschwerden sind so unterschiedlich wie ihr Alter – die Jüngste ist 66, die Älteste 90. Alle BewohnerInnen hatten einmal Partnerschaften und Kinder. Nun sind sie das, was viele von uns irgendwann einmal sein werden: verwitwet oder geschieden und alleinstehend. Doch eines verbindet die betagten Singles hier, nämlich der Wunsch, möglichst lange selbstständig zu bleiben und das Leben zu genießen, statt isoliert im Eigenheim auf das Ende zu warten. 

Ihre optimistische Einstellung klebt bereits an der Eingangstür. „Bei uns wird nicht gemeckert!“, steht dort auf einem Aushang. „Unsere Bewohner sind zu bewundern. Statt zu resignieren, versuchen sie, aktiv zu bleiben“, erklärt die Leiterin der Heimhilfe, Hermine Freitag (siehe Interview S. 53). Mehrmals pro Woche wirft sie ein Auge auf die acht „IndividualistInnen“, die trotz herber Schicksalsschläge stets positiv dachten. 

Manche erlebten körperliche Gewalt und seelische Unterdrückung in der Ehe – trotzdem glaubten sie weiterhin an die Liebe und ließen sich scheiden. Manche erlitten Fehlgeburten, trugen Babys zu Grabe und erwachsene Kinder – trotzdem schenkten sie neues Leben und zogen verwaiste Enkel auf. Manche pflegten Angehörige, verloren ihre Partner durch Suizid oder schwere Krankheiten – trotzdem beschritten sie mutig den neuen Lebensabschnitt. Immer ging es also ums Aushaltenkönnen und Sichzurechtfinden. Um die Bereitschaft, alte Pfade zu verlassen, damit es weitergehen konnte.

DAS SALZ IN DER SUPPE
„Meine Freunde finden es mutig, dass ich alles zurückließ. Sie täten sich das nicht trauen. Dabei lasse ich eh nur Möbel zurück, die heute keinen Wert mehr haben“, sagt Edda B., 73, stolz und lässt sich in der Gemeinschaftsküche ihr „Essen auf Rädern“ schmecken. Früher hat die ehemalige Chefsekretärin täglich gekocht: für ihre Familie, ihre Eltern und Schwiegereltern. Seit die Witwe die Anstrengungen der vergangenen Jahrzehnte körperlich spürt, lässt sie es sich im neuen Zuhause gut gehen. „In meiner alten Wohnung im Arsenal fehlte mir die Ansprache. Jeder lebt dort für sich. Für ein Altenheim ist es noch zu früh. Ich will ja noch meinen Geist beanspruchen. Hier kann ich das. Es war also eine gute Idee der Kinder, mir diesen Platz zu suchen“, sagt Frau B. und reicht ihrer Sitznachbarin Monika G., 71, das Salz.

Frau G. ist die einzige Deutsche hier. Mit der österreichischen Mentalität hat sie sich gut arrangiert. Den Wohnortswechsel strebten nicht ihre Verwandten an, sondern sie selbst: „Ich wollte mein Leben wenden, bevor es zu spät ist.“ Es gebe Leute, die jeden Tag jammern: „Oh Gott, könnte ich doch nur schon sterben“, sagt die groß gewachsene ehemalige Altenpflegerin. Dann nippt sie an ihrem Wasserglas und schlägt ihre Hände zusammen. „Stellen Sie sich vor, Sie wünschen sich den Tod herbei und der kommt nicht. Sie wären jeden Tag unglücklich, hätten keine Freude mehr.“ Ihre Worte klingen nicht nach Floskeln, sie kommen bedeutungsstark aus ihrem Herzen, sind spürbare Selbsterkenntnis. In der WG hat sie ihre einsame Vergangenheit ad acta gelegt. Zurück ins Leben gefunden. „Wir reden, lachen, streiten. Das hält lebendig.“ Inzwischen ist sogar ihre alte Bühnenleidenschaft retour und Monika G. Statistin am Volkstheater. Emotionen seien eben das Salz in der Suppe.

Während die Damen mit Appetit ihre Teller leeren, führt „Nesthäkchen“ Brigitte M., 66, durch die Residenz. Im Wohnzimmer spiele sie mit den anderen gerne Rommé, im riesigen Gemeinschaftsbad werde gebügelt, sagt sie. Die Wanne dort dürfen die Oldies nämlich nur in Anwesenheit ihrer Betreuerin benutzen. Meist duscht daher jede und jeder in der eigenen Garçonnière. Ein kleines Bad ist dort integriert, jeder Winkel mit Haltevorrichtungen versehen. Schließlich sollen sich auch in der unbeaufsichtigten Zeit alle sicher fühlen. 

52_MG_5063AUFGEFANGEN UND FREI
„Ich zahle 540,00 Euro für 22 Quadratmeter, die anderen 670,00 für 28 Quadratmeter. Aber so viel brauche ich nicht“, frohlockt Brigitte M. bescheiden, als wir ihr Gemach betreten. Die Wände hat sie mit blumigen Mustern und Romantikpostern verziert. Eines zeigt ein Strandbild, auf dem im Abendrot ein Mann mit nacktem Oberkörper eine Frau aus dem Meer trägt. Eine geheime Fantasie? „Aber wo! Seit 1979 bin ich glücklicher Single“, kichert Brigitte M. und fläzt sich auf ihr Bett. Die Jahre mit ihren Kartenspielfreundinnen seien wunderbar gewesen. Doch als diese nach und nach starben, wurde sie depressiv. „,Mama, du gehörst unter Leute!‘, meinte meine Tochter. Sie hatte recht. Plumpst du im Gemeindebau aus dem Fenster, schert sich keiner um dich. Hier bin ich aufgefangen und doch frei. I möchat net weg. Net um viel Geld!“, sagt sie und öffnet die Balkontür. 

Just tönt aus dem Nebenzimmer eine Radioschnulze der Schmuseband „Münchner Freiheit“: „Solange wir dasselbe fühlen, solang wir auf dasselbe zielen, solange wir im Zentrum stehen, solange wird es weitergehen.“ Schlaftrunken erscheint Alois K., 86. Über seinen gestreiften Boxershorts baumelt leger ein blaues Hemd. Ein bisschen müde sei er noch vom Arbeiten, verrät er. Der geschiedene Messerschmied ist nämlich noch berufstätig! Als „Everlasting Love“ erklingt, kreist der passionierte Tänzer behäbig seine Hüften. „Ich bin richtig verliebt ins Leben. Meine WG-Freundinnen lassen mich sein wie ich bin und sogar bis Mittag schlafen. Nur in der Küche habe ich nix zu melden. Das ist Fritz’ Revier.“ Am Herd scheppern schon die Töpfe und Pfannen. Unterbrochen wird die Lärmkulisse nur von zarten, besserwisserisch klingenden Tönen. Szenen einer Ehe? Nicht ganz. Hinter der Anrichte hockt besagter Fritz J., 81. Ungeduldig wartet der pensionierte Gemeindebedienstete auf seinen Einsatz. Schneidbrett und Messer hat er schon bereitgelegt. Rechts im Eck stehen seine Gehbehelfe – der Rollator und ein Rucksack mit Sauerstoffflaschen. Links neben ihm wuselt Hedwig W. umher. Keine Sekunde lässt er die juvenile 90-Jährige aus den Augen. Schließlich war sie die erste Frau, die sich 2012 zu ihm gesellte. Sein Zustand damals war schlecht. Seine Laune mehr rau als herzlich. Doch schnell brachte sie ihn wieder zum Lachen und Schmähführen. „Heute gibt’s Fischstäbchen mit Erdäpfelsalat“, sagt sie und stellt einen Topf mit heißen Kartoffeln vor ihren geschäftigen Küchengehilfen. 

49_MG_4980UNTERM ZITRUSBÄUMCHEN
„Was hast g’sagt?“, brummt Fritz J. Er ist schwerhörig. Zärtlich tätschelt „Hedi“ seine Schulter. Schau einer an, wie ihn das motiviert! Konzentriert schält er jetzt die Kartoffeln und lauscht ihren Memoiren: „Es war schon eine Umstellung, mit einem fremden Mannsbild den Alltag zu teilen. Schließlich habe ich nach dem Tod meines Gemahls 18 Jahre allein gelebt.“ Doch der Fritz und sie verstünden sich prima, auch beim Kochen und Essen. Essen sei ja das Wichtigste im Alter. Man denke an nichts anderes, schmunzelt sie.

51_MG_5148Ihre ungebrochene Klarheit und Frische habe sie schon in der Jugend beflügelt. Nie habe sie sich Sorgen gemacht, begegnete jedem Tag vertrauensvoll und heiter. Auch als Krieg war. „Dieser Trick hielt mich jung.“ Leicht wie ein Schmetterling flattert sie in ihrer bunten Tunika auf die Terrasse. Vor ihrem Solarbrunnen hält sie inne. Das Plätschern sei herrlich zum Meditieren. Richtig süchtig sei sie schon danach. „Mit 75 hatte ich noch ganz andere Dinge im Schädel, holladaro! Jetzt beschäftige ich mich mit der Seele. Dass ich jemals so besinnlich werde …“ Dann presst sie ihre Fingerkuppen gegen ihre Wangen und beginnt mit kreisenden Bewegungen. „Diese Leibesübungen mach ich täglich, damit die Backerln schön rosa bleiben. Später marschiere ich noch zum neuen Billa. So a Shopping-Liste hab ich mir g’schrieben! Was ist, Lieserl, kommst mit?“ Wortlos winkt Elisabeth W., 68, ab. Sie gilt als introvertiert, liegt lieber auf dem Rattansofa bei ihren Zitrusbäumchen. Zu ihrem bodenlangen Kleid trägt sie einen Strohhut, pink lackierte Fingernägel und einen protzigen schwarzen Modering. Insignien einer feinen Vergangenheit? „Stimmt, die hatte ich“, haucht sie und versteckt ihre Zähne hinter vorgehaltener Hand. „Dauernd vergesse ich, dass ich keine Schönheit mehr bin.“  Kurz später ist ihr das zum Glück egal. Freudig erzählt sie von ihrer Kindheit im Mariazeller Land. Von ihrem ersten Gatten, einem Geschäftsmann aus der Wiener Hautevolee. Und von ihrer zweiten Ehe mit einem Seelsorger, der Liebe ihres Lebens. „Nach seinem Schlaganfall pflegte ich ihn 15 Jahre. Keinen sonst ließ er an sich heran.“ Als er tot war, verkaufte Frau W. ihre Villa, verteilte das Geld an ihre fünf Söhne und zog in die Mühlgrundgasse. Die WG markiert wohl die letzte Station eines bewegten Lebens, prall mit vielen schönen Erinnerungen. Im besten Lebensabschnitt, jenem mit ihrem zweiten Mann, habe sie gelernt, was wahrer Reichtum ist: „Ein Zuhause zu haben. Und das ist überall, wo man gemocht wird.“

Kurz vor Redaktionsschluss starb ein WG-Bewohner. Dieser Text ist ein Kompliment an seinen Optimismus und Gemeinschaftssinn.