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Jugend und Glaube. Eine Generation auf der Suche
Wohin soll ich mich wenden? Oder: Sie sind dann mal weg? Die jungen Menschen von heute haben immer weniger Bindung an traditionelle Religionsgemeinschaften. Aber sind sie deswegen auch desinteressiert? Eine Bestandsaufnahme.
JA, ABER.  Zwei Wörter. Zwei Gegensätze. Und doch werden sie auf die Frage »Sind Sie gläubig?« häufig in einem Atemzug genannt. »Ja, ich bin gläubig, aber nicht in Beziehung auf die Religion, der ich angehöre«, sagt Raphaela Reindl (17). »Ja, ich bin gläubig, aber ich kann nicht sagen, dass ich an die katholische Kirche oder eine andere Religion glaube«, erklärt Ariana Peterca (18). »Ja, irgendwas wird es schon geben, aber ich beschäftige mich nicht so sehr damit, weil ich eh keine Lösung finden werde«, meint Ivana Matic (17). »Ja, ich werde immer gläubiger, aber immer weniger religiös«, zitiert Johannes Lanser (25) seine Großmutter und fügt hinzu: »Mir geht?s genauso.«
JA, ABER. Woher kommt es, dass junge Menschen auf die Frage nach ihrem Glauben nur noch selten so eindeutig antworten wie Andreas Weiß (24), der sagt: »Ja! Ich bin katholisch.«

Katholisch ausgerichtet

Mag. Andreas Weiß, 24 Jahre,
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Institut in Salzburg und Student der Theologie

Gott ist der tägliche Begleiter im Leben von Andreas Weiß. Der 24-Jährige glaubt an einen personifizierten Gott, zu dem man sprechen kann und der einem auch zuhört. Seinen Glauben lebt er im regelmäßigen persönlichen Gebet: Er betet jeden Tag ein Stundengebet ? »freiwillig«, wie er ergänzt. Zum gelebten Glauben gehören für Andreas Weiß auch ein bewusstes Kreuzzeichen vor dem Essen und ein regelmäßiger Gottesdienstbesuch.
Mit Kirche verbindet der 24-Jährige ganz klar etwas Positives. Sie ist ihm Heimat ? eine Gemeinschaft von Menschen, welche die gleiche Ausrichtung auf Gott haben. Christliche Werte geben Andreas Weiß Orientierung im täglichen Leben. Für ihn ist ganz klar: »Ich bin römisch-katholisch.«

GOTT OHNE RELIGION.
»Die religiösen und ethischen Vorstellungen befinden sich in einem umfassenden Transformationsprozess«, meint MMag.a Dr.in Regina Polak, eine der AutorInnen der aktuellen Österreichischen Jugendwertestudie. Nur knapp ein Drittel der im Sommer 2006 befragten Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren gab an, sich selbst als »religiös« zu verstehen. Gleichzeitig sagten aber 69 Prozent der Jugendlichen, dass sie an Gott glauben. Diese Schere, die man mit dem Satz »Ich glaube an Gott, bin aber nicht religiös« verdeutlichen kann, zeigt den Erosionsprozess einer traditionell kirchlich gebundenen Religiosität und den Wandel des Gottesbildes. Darüber hinaus lässt sie auf eine subjektive Religiosität schließen, die »vielfältig, brüchig und widersprüchlich« ist. »Man könnte sagen: Gott hängt in der Luft«, bringt es Regina Polak auf den Punkt.

UNSICHERHEIT ÜBERWIEGT.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die 16. Shell Jugendstudie 2010 aus Deutschland. Sie belegt unter anderem, dass Religion im Leben der meisten Befragten zwischen 12 und 25 Jahren nur eine mäßige Rolle spielt. Dabei haben weder Konfessionslosigkeit noch Atheismus zugenommen, auf dem Vormarsch sind vor allem religiöse Unsicherheit und teilweise auch ein unpersönliches Gottesverständnis.

Dr.in Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung in Wien findet es gar nicht so erstaunlich, dass junge Menschen sich in Glaubensfragen nicht mehr auf eine fixe, von einer Institution vorgegebene Vorstellung festlegen: »In unserer Gesellschaft lernen junge Leute, aus einem großen Sinnangebot herauszufiltern. Sie wählen das, was im Moment zu ihnen passend erscheint ? und für Jugendliche geht auf der Wert-Ebene viel mehr zusammen als für Ältere.«

JA, ABER.
Vielleicht stehen die Antworten, welche die jungen Menschen auf die Frage »Sind Sie gläubig?« geben, für sie also überhaupt nicht im Gegensatz zueinander, sondern eher in Verbindung miteinander? Oder geht es für die Jugend am Ende gar nicht mehr so sehr um Glaubens-, sondern um Sinnfragen, so wie für Raphaela Reindl, die sagt: »Jeder Jugendliche fragt sich: ?Warum bin ich da??«
»Lebenssinnfragen haben den Menschen schon immer beschäftigt«, meint Beate Großegger. »Kinder denken über vieles noch nicht so viel nach. Da surft Gott auf der Wolke. In der Jugend aber drängen Sinnfragen in den Vordergrund, und da spielen natürlich auch spirituelle Fragen eine Rolle. Nur fallen die Antworten nicht immer so aus, wie das im Sinne der Glaubensgemeinschaften wäre.«
Ähnlich sieht das auch Dr. Uto Meier, Professor für Religionspädagogik und Mitveranstalter des Internationalen Interdisziplinären Forschungssymposions »Jugend ? Religion ? Religiosität«, das im Oktober 2010 in Eichstätt stattfand. Im Interview mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung erklärte er auf die Frage, an wen oder was die Jugendlichen heutzutage glauben: »Sie glauben zumindest nicht mehr so an das, wovon die Kirche glaubt, woran sie glauben sollten.«

STARRE RAHMEN STÖREN.
Hinzu kommt, dass die Jugend von heute sehr institutionskritisch ist. Woran sich die Jugendlichen in Sachen Kirche reiben, reicht von »Es geht nur ums Geld« über »Im Namen Gottes wurden Menschen getötet« und »Das mit dem Zölibat ist völlig veraltet« bis hin zu »Frauen dürfen in der Kirche keine Ämter ausüben«. Außerdem passt ein starrer, unveränderlicher Rahmen, wie ihn die Kirche vorgibt, einfach nicht zu der sich schnell wandelnden Lebenswelt, in der junge Menschen heute bestehen müssen. Der Alltag der Jugendlichen ist geprägt von Veränderung und Wachstum, aber die Kirche geht da nicht mit. »Hier ist sicher ein Umdenken auf Seiten der Religionsgemeinschaften gefragt«, so Beate Großegger. Denn: »Die Jugend ist so institutionsskeptisch, weil die Institution von der Jugend erwartet, sich ihr anzupassen, statt sich mit der Jugend mitzuentwickeln.«

JA, ABER.
Die Frage lautet also: Wo suchen die jungen Menschen Antworten auf ihre Lebenssinnfragen, wenn nicht in ihrer Ursprungsreligion? Raphaela Reindl tendiert in Richtung Buddhismus und Hinduismus, »denn ich glaube an die Wiedergeburt«. Und auch Daniela Trojer fühlt sich zum Buddhismus hingezogen. Er ist für sie »nicht Religion, sondern Einstellung oder Philosophie«.
Laut Beate Großegger sollte nicht unterschätzt werden, dass für die jungen Menschen nicht nur interessant ist, was ihnen im Hier und Jetzt Antworten auf ihre Fragen gibt. Eine große Rolle spielt auch die Erlebniskomponente, also ob etwas spannend, geheimnisvoll, exotisch oder unterhaltsam ist. So findet Daniela Trojer einen indischen Tempel einfach ansprechender als eine österreichische Kirche ? »dort fühlt es sich für mich kalt an«. Am Schamanismus fasziniert sie unter anderem, »dass man sich durch Tanz, Rhythmus und Gesang in einen anderen Bewusstseinszustand versetzen muss, um in diese Welt eintauchen zu können«.