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Jung, frech, weiblich

Österreichs Literatinnen der jungen und mittleren Generation sprechen mit vielen Stimmen. Was beschäftigt sie? Wie schreiben sie? Und wie kommen sie zu ihrem Publikum? Ein Streifzug.

Fragt man Martina Schmidt, Chefin des Wiener Deuticke Verlags, um ihre Einschätzung, wie es um die aktuelle Literatur österreichischer Schriftstellerinnen der jüngeren Generation bestellt ist, ist sie um eine Antwort nicht verlegen: „Sie sind böse und witzig und vielseitig und wandelbar, die jungen Autorinnen, es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen.“ Nicht dass man sich Sorgen gemacht hätte! Außer vielleicht, weil der Versuch eines Überblicks über jene Autorinnengruppe, die in den letzten zehn, 15 Jahren die literarische Bühne betreten hat, nicht ganz einfach ist. Am besten nähert man sich ihnen über ein paar Fragen: Welche Themen behandeln sie? Auf welche Weise tun sie das? Wie spiegeln ihre Erzählungen die gesellschaftspolitischen Debatten der Gegenwart? Unter welchen Bedingungen schreiben sie?

VIELE KANÄLE
„Die Möglichkeiten, sich literarisch auszudrücken und damit LeserInnen zu erreichen, sind vielfältiger geworden“, sagt Martina Schmidt. Das liegt nicht nur an Social Media und Internet, die es etwa möglich gemacht haben, dass eine Facebook-Bloggerin wie Stefanie Sargnagel (siehe Seite 53 in der WDF-Ausgabe 11/17) aus der digitalen Welt ins Herz des Buchmarkts wechseln konnte. „Viele Autorinnen arbeiten mit Facebook und Twitter, andere tun es bewusst nicht. Der Vorteil, schnell und direkt reagieren zu können, wird mit dem Nachteil erkauft, der Meute relativ schutzlos ausgeliefert zu sein. Das braucht Mut und kostet Nerven“, erklärt Martina Schmidt. Auftrittserfahrung haben einige der jungen Autorinnen bereits auch bei Poetry-Slams gesammelt, jenen literarischen Vortragswettbewerben, die sich aus den USA kommend in den letzten Jahren auch bei uns etabliert haben und, so die Linzer Autorin Anna Weidenholzer (siehe Seite 49 in der Printausgabe), „einen niederschwelligen Zugang“ zu Literaturwelt und Publikum schaffen. Was den Weg zur Leserschaft ebenfalls erleichtert, ist ein Trend in der Verlagsbranche: „Fast jeder heimische und deutsche Verlag hat das Gefühl, dass er jede Saison mindestens ein literarisches Debüt im Programm haben muss. Das hat es früher nicht gegeben“, erklärt die Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin Evelyne Polt-Heinzl, die glaubt, „dass es junge Autorinnen und Autoren vielleicht noch nie so einfach gehabt haben wie jetzt“, dass ihre Bücher verlegt werden.

IRONISCHE DISTANZ
Eins lässt sich mit Gewissheit sagen: Es sind gute Zeiten für die junge österreichische Literatur. Sie blüht und gedeiht gerade aufs Vielfältigste. Nicht nur die aus weiblicher Hand, aber ganz besonders auch diese. „Mir fällt schon seit einigen Jahren auf, auch bei Stipendienvergaben und in Literaturpreisjurys, dass es tendenziell mehr spannende Debüts von jungen Autorinnen gibt als von jungen Autoren“, meint Evelyne Polt-Heinzl. „Eine Einheitlichkeit kann man bei den neuen Autorinnen natürlich nicht feststellen“, sagt Karin Fleischanderl, Übersetzerin, Publizistin und Gründerin der „Leondinger Akademie für Literatur“ (siehe Seite 52), „wohl aber einen gewissen kritischen Blick auf die Wirklichkeit und oft auch eine ironische Distanz, die ja in Österreich schon seit Nestroy große Tradition hat.“ Letzteres, so Fleischanderl, halte sie für ein deutliches Unterscheidungsmerkmal zwischen österreichischer und deutscher Literatur. „Dort gibt es weniger die Tradition des Sich-lustig-Machens. Es wird mehr beschrieben.“ Und Verlegerin Schmidt ergänzt: „In Sachen Witz haben wir in der Literatur gerade eine wirklich gute Zeit. Was ja, historisch betrachtet, meistens damit einhergeht, dass es nicht viel zu lachen gibt.“ Die neuen österreichischen Autorinnen, so Schmidt, sorgten auch beständig dafür, „die Rolle der Frau immer wieder neu zu diskutieren und zu positionieren“.

Die Sprachbastlerin: Anna Weidenholzer – „Warum die Herren Seesterne tragen“

Es ist ein großes Thema, das sich Anna Weidenholzer für ihren neuen, zweiten Roman vorgenommen hat: Was macht ein zufriedenes Leben aus? Der, den sie ausschickt, um möglichen Antworten auf die Spur zu kommen, ist umgekehrt ein Prototyp des kleinen Mannes: Karl, Mitte 60, pensionierter Lehrer. Nach dem Vorbild des Himalaja-Kleinstaats Bhutan, wo tatsächlich staatlicherseits ein „Bruttonational­glück“ ermittelt wird, möchte er den Grad des Kollektivglücks in Österreich erforschen. Karl, eine verschrobene Mischung aus Hobbyforscher und Ordnungspedant, beginnt seine Befragungen „vollkommen unvoreingenommen an einem unbekannten Ort“, den er nach dem Zufallsprinzip auswählt. Er fährt in einen kleinen Skiort, wo der Schnee und längst auch die TouristInnen ausbleiben, mietet sich als einziger Gast sechs Wochen lang im Hotel Post ein und beginnt reihum seine Befragungen. Das Dorf im Abseits wirkt wie aus der Zeit gefallen, die dörflichen Forschungsobjekte geben sich spröd oder schweifen weit vom Schema der Karl’schen Glücksbilanz­ermittlung ab. Aus diesem Kontrast bezieht Anna Weidenholzers Roman einen Gutteil seines kauzigen Charmes. Gerade weil Karls mitunter skurrile Fragebogenfragen oft unbeantwortet bleiben, entstehen Gespräche, die Einblick ins Seelenleben der kleinen Leute auf dem Land geben, die seit jeher in Anna Weidenholzers Fokus stehen. Weidenholzer, 1984 in Linz geboren, erzählt ihre Geschichte nicht linear. Es gibt kunstvoll gemachte Schnitte und Zeitsprünge, Ortswechsel und Rückblenden. Karls Frau Margit spielt in absentia eine Hauptrolle. Nichts wird psychologisiert, vieles der Deutung der LeserInnen überlassen. Dass einem dabei so leicht ums Herz wird, liegt auch an schrägen, alltagsweisen Sinnsprüchen der Figuren, wie etwa diesem: „Wenn man ein gewisses Alter an der Bundesstraße erreicht hat, geht von ihr so gut wie keine Gefahr mehr aus.“

Foto: Alexandra Grill

Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen.
Verlag Matthes & Seitz, 20,60 Euro

Die Kultige: Stefanie Sargnagel – „Statusmeldungen“

Ob Stefanie Sargnagel Literatur schreibt oder nicht, damit tut sich jeder und jede schwer, den und die man danach fragt. Vielleicht ist die Frage falsch gestellt. Sargnagels Kurztexte haben als Facebook-Einträge Furore gemacht. Die rote Baskenmütze, die sie stets trägt, ist ebenso rasch zum Markenzeichen geworden wie ihre zynischen, schwarzhumorigen Wortmeldungen oder die farbflächigen, minimalistischen Zeichnungen der Kunststudentin mit dem Sinn für Komasaufen, Fäkalerotisches und drastische Wortspiele. Sargnagel ist eine Art weiblicher Charles Bukowski fürs Social-Media-Zeitalter. Inzwischen ist die 31-Jährige auch das Liebkind der Kultur- und Verlagsszene; gedruckte Bücher, Lesereisen und Bachmannpreis-Teilnahme inklusive. Sie selbst quittiert es in ihrem neuen Buch „Statusmeldungen“, das ihre Interneteinträge von 2015 bis 2017 versammelt, mit trockenem Witz: „Linke projizieren irgendwelche ideellen Erwartungen in mich, aber sobald ich es mir leisten kann, hole ich mir eine Eigentumswohnung, wähle Neos, kaufe mir Freunde, und alle können scheißen gehen.“ Sargnagel changiert zwischen Überforderung und Engagement, zwischen Rückzugssehnsucht und Provokationslust, nimmt sich und andere auf den Arm, engagiert und demontiert sich als Flüchtlingshelferin und Feministin. Ihre Kommentare sind direkt und schlagfertig, naiv und hellsichtig, oft witzig und noch öfter aufs Äußerste zugespitzt. Wenn sie Themen in einem Satz gegen den Strich bürstet, kann das eindringlicher sein als jeder Leitartikel („Vielleicht zwinge ich Witzmann [Anmerkung: ihren Lebensgefährten], sich zu verschleiern“). Die Sogwirkung ihrer Kurzstatements ist erstaunlich. Was daran privat ist und was öffentlich, ist unmöglich auseinanderzuhalten: „Manchmal hab ich Albträume, dass ich eine Kunstfigur bin, die unter den Augen Hunderter Fremder ihr Leben dokumentiert“, um wenig später zu fragen: „Seit wann ist eigentlich ‚Selbstinszenierung‘ was Schlechtes? Jeder inszeniert sich doch selbst, die meisten sind halt einfach langweilig dabei.“ Letzteres ist gewiss ein Vorwurf, den man Stefanie Sargnagel nicht machen kann.

Foto: Horst Ossinger/dpa/picturedesk.com
Illustration: Stefanie Sargnagel

Stefanie Sargnagel: Statusmeldungen.
Verlag Rowohlt Hundert Augen, 20,50 Euro

Hebammendienste für die Literatur

Besser schreiben, einen eigenen Stil entwickeln: Die „Leondinger Akademie für Literatur“ hat sich mit ihren Creative-Writing-Lehrgängen als Knotenpunkt der Entwicklung der österreichischen Nachwuchsliteratur etabliert.

Das Klischee ist weitverbreitet und sieht in etwa so aus: Die hehre Muse küsst den Dichter oder die Dichterin, und völlig ohne jede Hilfestellung wirft er oder sie ein schriftstellerisches Werk aufs Papier. „Das gibt es nicht, und es war auch nie so“, sagt Karin Fleischanderl, „es gab immer VerlegerInnen, LektorInnen, KollegInnen, gegenlesende FreundInnen, die den Prozess der Entstehung von Literatur begleitet haben. Wir haben das institutionalisiert.“ Inzwischen gibt es die „Leondinger Akademie für Literatur“ seit zwölf Jahren. Gegründet hat sie Karin ­Fleischanderl, die aus Steyr stammt und eine der bekanntesten literarischen Übersetzerinnen, Publizistinnen und Literaturvermittlerinnen des Landes ist, gemeinsam mit dem Schriftsteller und Dramatiker Gustav Ernst. Dass die Akademie ihren Handlungsort in Leonding gefunden hat, ist reiner Zufall und geht auf den Leondinger Filmemacher Leo Kislinger zurück, von dem die Initialzündung zu ihrer Gründung kam. Exakte Textarbeit Inzwischen hat sich Leonding zu einem Ort entwickelt, an dem zahlreiche neue österreichische LiteratInnen, darunter Petra Piuk, Anna Weidenholzer, Isabella Straub oder Marianne Jungmaier, wesentliche Anstöße für ihr Schreiben bekommen haben. Was die Studierenden in Leonding so genießen, formuliert die frühere „Standard“-Journalistin, Medientrainerin und Absolventin des Akademiejahrgangs 2016/17, Tanja Paar, deren erster Roman „Die Unversehrten“ demnächst erscheinen wird, so: „Nichts lenkt ab. Hier ist Raum für exakte Textarbeit mit renommierten Vortragenden und KollegInnen. Jedes Wort in den Mund nehmen, überprüfen. Was nicht hält, beim Rathauswirt mit einem Bier hinunterspülen.“ Einmal im Monat: Workshop Der Creative-Writing-Werkstatt verdanken viele auch erste Kontakte zu Verlagen. Die Wochenend-Workshops der jeweils einjährigen Akademielehrgänge mit maximal 13 TeilnehmerInnen finden einmal im Monat statt. Dazwischen wird geschrieben. Es ist diese Struktur, die viele angehende SchriftstellerInnen, die unter der Woche ihren Brotberufen nachgehen, als sehr hilfreich empfinden. In den Workshops bekommen sie Feedback, von den anderen Studierenden ebenso wie von AutorInnen, KritikerInnen oder LektorInnen. „Für alles ist Platz und Zeit: für verschiedene Genres, für die Ausbildung der Sprachsensibilität, für Dramaturgisches wie Figurenentwicklung, Spannungsaufbau oder die Konstruktion einer Geschichte. „Man merkt, wie sich die Texte im Lauf des Jahres verändern“, sagt Fleischanderl, „am Ende blüht, im Idealfall, ein eigener Stil. Dafür leisten wir die Hebammendienste.“
www.literatur-akademie.at

Foto: Luiza Puiu

Publizistin Karin Fleischanderl ist eine der Gründe- rinnen der „Leondinger Akademie für Literatur“.

Fantasy-Panorama um die vielen Leben der unsterblichen Hauptfigur, das die Weltgeschichte als Höllenritt bloßstellt.
Isabella Feimer: Stella Maris. Braumüller Verlag, 20,00 Euro

Brandaktuelle Geschichtslektion und Spurensuche vor dem Hintergrund der Teilung von Kims Herkunftsland Korea.
Anna Kim: Die große Heimkehr. Suhrkamp Verlag, 24,70 Euro

Ein Roman über das Älterwerden, eine späte Liebe und die Panzer, mit denen wir uns (voreinander) schützen.
Sophie Reyer: Schildkrötentage. Czernin Verlag, 22,00 Euro

Eine bildmächtige Geschichte über Rückzugsorte und die Angst, von der Welt überwältigt zu werden.
Elisabeth Klar: Wasser atmen. Residenz Verlag, 24,00 Euro

Rasant-witzige Parabel auf ­Medien-, Geschlechter und Kapitalismusklischees. Am besten zum Lautlesen.
Teresa Präauer: Oh Schimmi. Wallstein Verlag, 20,50 Euro

Die „Erzählungen vom Ende“ zeigen, was vom Menschenleben übrig bleibt in einem Wien, das in Trümmer gelegt wurde. Grandios!
Karin Peschka: Autolyse Wien. Otto Müller Verlag, 19,90 Euro

Der Titel ist Programm: Erzählungen über Hunger, Nahrungsverweigerung oder Essen statt Liebe.
Cornelia Travnicek: Fütter mich. Haymon Verlag, 9,95 Euro

Sprachmächtiger Roman über einen kroatischen Kriegshelden, über Trauma, Erinnerung und ungelebtes Leben.
Anna Baar: Als ob sie träumend gingen. Wallstein Verlag, 20,60 Euro

Eine Stadt im Ausnahmezustand: Fritschs Weltuntergangspanorama berichtet von der Auflösung der Gesellschaft im Chaos.
Valerie Fritsch: Winters Garten. Suhrkamp Verlag, 17,50 Euro

Brillantes Debüt – nach einer wahren Geschichte – über eine junge Kurdin zwischen brutaler Unterdrückung und Selbstbehauptung.
Katharina Winkler: Blauschmuck. Suhrkamp Verlag, 19,60 Euro

Die Flüchtlingskrise aus der Sicht einer Dolmetscherin, der es immer schwerer fällt, Distanz zu wahren.
Mascha Dabić: Reibungsverluste. Edition Atelier, 18,00 Euro

Ein bitterböses Romandebüt über die Gier nach Ruhm. Hier soll eine unbegabte Sängerin zum Star gemacht werden.
Irene Diwiak: Liebwies. Deuticke Verlag, 22,00 Euro

Erschienen in „Welt der Frau“ 11/17