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Kampfzone Mutterland?

Werden Mütter abgeschafft oder sollte man endlich die Wahrheit über den Wahnsinn „Mutterschaft“ erzählen? Die Debatte wird gelegentlich ziemlich überdreht, zumindest medial.

Kein Tag vergeht, an dem nicht berichtet wird, wer aus der Riege der Reichen und Schönen wieder stolz seinen Babybauch zeigt und postet. Wo früher schamvoll zeltartige Umstandskleider wallten, wird nun mit Stolz präsentiert, was höchstes Glück verspricht. Traut man aber den vielen neuen Büchern am Markt, ist das Gegenteil der Fall. Zu Tausenden posten Frauen im Netz, etwa unter „#regrettingmotherhood“ („bereute Mutterschaft“), wie frustrierend es ist, ein Kind oder Kinder zu haben. Hauptklage: Das Kind stiehlt mir mein Leben. Nichts mehr ist es mit Selbstbestimmung, mit Freiheit und mit Optimierung des Lebens. Stattdessen durchwachte Nächte, erschlaffende Körperteile, angepatzte Blusen und ein Sexualleben, weit entfernt von den Versprechen aller Hochglanzmagazine. Wie schäbig! „Und keiner“, wird geklagt, „hat uns das gesagt! Und niemand“, räsoniert man weiter, „hilft uns aus dem Elend.“ Da reibt man sich etwas verwundert die Augen. Diese Opfermasche kennen wir doch. Wie kann das sein, dass gebildete, selbstbewusste Frauen sich derart klein machen? Als ob sie selbst Kinder und nicht in der Lage wären, sich ihr Leben zu gestalten. Sind das die Töchter der Emanzipation?

Opferklagen gibt es aber auch von der anderen Seite. Zwei deutsche Journalistinnen haben in ihrem Buch „Die Abschaffung der Mutter“ zum Schlag gegen die kinderlose Gesellschaft aufgerufen. Sie sehen das Muttersein bedroht, auch durch die Emanzipation, die Frauen den beruflichen Erfolg eingeredet und die Kinderstuben madiggemacht habe. Auch da so viel Opfer. 

Nun muss man immer die Logik der Mediengesellschaft berücksichtigen. Wer nicht in Superlativen Behauptungen aufstellt, wird nicht gehört. Über Mutterschaft kann man nicht differenziert reden – wie langweilig! –, sondern man muss die Sache zuspitzen. Also wird jene entweder gleich ganz abgeschafft oder völlig bereut. Dazwischen ist nichts. Der Raum, in dem das tatsächliche Leben mit Kindern sich abspielt, bleibt leer. Medial zumindest. Real gibt es da alles, von der Anstrengung bis zur Überanstrengung, von den kleinen Momenten des Staunens bis zu den großen Erfahrungen des Wunderns, von der Reibung aus Nähe bis zur Kränkung aus Distanz, von der großen Vertrautheit bis zur unverständlichen Fremdheit. 

Könnte es sein, dass sich beim Thema „Mutterschaft“ etwas verändert? Könnte es sein, dass Frauen unbewusst so etwas wie einen Anspruch auf Glück empfinden und sich betrogen fühlen, wenn das dann nicht so herstellbar ist, wie sie sich das ausgemalt haben?

Der schwedische Arzt Mats Brännström hat bisher neunmal eine Gebärmutter transplantiert. Er verpflanzt ausschließlich Organe lebender Frauen. Meist sind es Schwestern, Tanten oder Mütter, die einer Frau, die keine funktionierende Gebärmutter hat, ihre überlassen. Die Transplantation birgt viele Risiken. Weder ist der Eingriff für die Spenderin harmlos noch für die Empfängerin und das ausgetragene Kind. Um Abstoßungen zu unterdrücken, muss die Empfängerin starke Medikamente nehmen. Das Baby kann frühestens ein Jahr nach dem Eingriff künstlich gezeugt und eingesetzt werden. Es muss außerdem dann früh mit Kaiserschnitt geholt werden. Noch gibt es wenige Erfahrungen mit den Auswirkungen des Verfahrens. Die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ berichtete von einer Frau, der nach der Geburt ihres ersten, gesunden Kindes die Gebärmutter entfernt werden musste. Nun möchte sie unbedingt ein zweites Kind und daher eine Transplantation. Die vielen ethischen Fragen, die sich daran knüpfen, kann sie verstehen, aber sie bleibt bei ihrem Wunsch. Ihr Glück wäre nur mit einem zweiten Kind perfekt. 

Die Spannung ist nicht neu – wie reagiert eine Gesellschaft auf den individuellen Wunsch nach Glück, wenn er technisch erfüllbar ist? Und was, wenn das Glück dann doch nicht eintritt? Kinder kann man, wie man weiß, nicht zurückgeben. Das beklagen indirekt ja auch jene Frauen, die ihre Mutterschaft nun öffentlich bereuen. Oder tun sie es womöglich gar nicht so ernsthaft, wie es scheint? Ist die große Aufregung vielleicht nur ein versuchter Tabubruch, weil sich Glück für eine Mutter einfach „gehört“? Kann sein, dass in einer Zeit, in der alles veröffentlicht wird, noch ehe es durchdacht ist, die bloße Wahrnehmung in den „Communitys“ das Ziel ist. In jedem Fall könnte man sich aber fragen, ob es okay ist, dass man dazu die eigenen Kinder einsetzt. Ob die sich freuen, als Munition im Kampf um Aufmerksamkeit eingesetzt zu werden, im einen wie im anderen Fall?

Christine Haiden meint, dass die Diskussion über Mutterschaft ruhig sachlicher ablaufen dürfe.

Bereuen, abschaffen, neu machen?

  • Als extreme „Mutteritis“ bezeichnet die deutsche Journalistin Susanne Mayer die aktuellen Debatten über Mutterschaft.
  • Basierend auf der Studie der israelischen Soziologin Orna Donath erschien auch ihr Buch „#regretting motherhood“, gefolgt von Sarah Fischers „Die Mutterglück-Lüge“.
  • Alina Bronsky und die Geburtenbegleiterin Denise Wilk sehen dagegen in ihrem Buch  „Die Abschaffung der Mütter“ das Muttersein bedroht.
  • Das alles verkauft sich bestens und wird von intensiven Debatten oder zumindest Meinungsanmerkungen in den sozialen Medien begleitet.
  • Daneben geht inzwischen die Reproduktionsmedizin nochmals neue Wege. Die Transplantation  von Gebärmüttern wird immer  mehr zum Thema und auch zur Forderung an die Medizin.

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns! meinemeinung@welt-der-frau.at

Erschienen in „Welt der Frau“ 05/16 – von Christine Haiden

Illustration: www.margit-krammer.at