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Jede zweite Frau schafft den Wiedereinstieg nach der Kinderpause nicht. Frauen erzählen über ihre Schwierigkeiten und Auswege.

Um die 30 bekommt die Kurve einen Knick. Während sich das Monatseinkommen von Männern nach oben schraubt, sackt jenes der Frauen nach unten. Es ist der Zeitpunkt, wo sich Nachwuchs einstellt und vornehmlich Frauen ihren Job für eine Weile an den Nagel hängen. Bis sie wieder ins Berufsleben einsteigen. Oder das jedenfalls wollen.
Laut einer Studie der Forschungsgesellschaft Synthesis versuchen drei von vier Frauen den Wiedereinstieg nach der Elternkarenz, aber nur jede Zweite schafft ihn. Ein ähnliches Bild zeichnet eine neue Untersuchung der Arbeiterkammer und des AMS Vorarlberg: Danach gelang es nur 237 von 423 befragten Müttern, im Job wieder Fuß zu fassen. Aber da ist frau längst mitten im Dilemma.

DILEMMA BERUFSWAHL.

Die Weichen werden bereits mit 14, spätestens mit 18 gestellt. Dann, wenn die Entscheidung für einen Beruf fällt. Was viele Frauen oft noch nicht mitbedenken: Wie sie einmal Job und Familie vereinbaren wollen. Unter den Lehrberufen rangieren seit Langem Einzelhandel, Bürokauffrau und Friseurin an der Spitze. Dabei seien gerade im Handel die oft unregelmäßigen Arbeitszeiten in Sachen Vereinbarkeit schwierig, weiß Manuela Vollmann, Geschäftsführerin des abz*austria.
Auch Akademikerinnen finden in manchen Berufen wenig familienfreundliche Rahmenbedingungen vor. Stephanie Merckens (35) arbeitete bis zur Geburt ihrer dritten Tochter als selbstständige Rechtsanwältin – „aus Berufung“, wie sie betont. Denn bei jährlichen Fixkosten zwischen 15.000 und 20.000 Euro, unter anderem für Büromiete und Kammerbeitrag, blieb unterm Strich wenig übrig, da sie nicht mehr Vollzeit arbeitete. Weil es bis dato nicht die Möglichkeit gibt, die Anwaltschaft ruhend zu stellen oder von einem Teil der Fixkosten befreit zu werden, blieb Frau Merckens, als sich Tochter Nummer drei ankündigte, nur ein Weg: Sie ließ sich austragen, so wie etliche ihrer Kolleginnen mit Kindern.

DILEMMA NIEDRIGE QUALIFIZIERUNG.

Mehrere Studien belegen, dass höher qualifizierten Frauen der Wiedereinstieg nach der Elternkarenz leichter gelingt als etwa Pflichtschulabgängerinnen. „Unsere Erfahrungen zeigen aber, dass auch gut qualifizierte Frauen in bzw. nach der Karenz vor der Situation stehen, sich umorientieren zu müssen, da sich der zuvor ausgeübte Beruf nicht mit den Betreuungspflichten vereinbaren lässt“, sagt Manuela Vollmann.
„Besonders fehlende Abschlüsse können es Frauen erschweren, am Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen“, erklärt Edeltraud Mühleder, Projektleiterin der VfQ Gesellschaft für Frauen und Qualifikation mbH. Negativ können sich auch ein Migrationshintergrund und mangelnde Deutschkenntnisse auswirken.

DILEMMA MIGRATIONSHINTERGRUND.

Adela Abdalkarim (29) spricht akzentfrei Deutsch, dazu noch drei weitere Sprachen: Englisch, Bosnisch und Kurdisch. Vor der Geburt ihrer beiden Kinder (fünf und drei Jahre) arbeitete die gelernte Einzelhandelskauffrau als Dekorateurin. Nach der Karenz war ihre alte Stelle besetzt, sie hätte in den Verkauf gehen müssen. Die langen Stehzeiten hätte sie jedoch wegen ihrer langjährigen Wirbelsäulenprobleme nicht ausgehalten, sagt sie. Die Suche nach einem Bürojob bzw. einer Lehrstelle als Bürokauffrau blieb bisher erfolglos. Sie glaubt, dass das auch mit ihrem fremdländischen Namen zusammenhängt. „Einmal habe ich mich am Telefon nur mit meinem Vornamen vorgestellt, und es ist zumindest zu einem Gespräch gekommen.“

DILEMMA KINDERBETREUUNG.

Sehr oft scheitert der Wiedereinstieg am nicht vorhandenen oder nicht adäquaten Angebot an Kinderbetreuung: 43 Prozent der Frauen gaben das in der AK-Studie an. In ganz Österreich fehlen um die 44.000 Kinderbetreuungsplätze, 102.000 entsprechen nicht den Anforderungen berufstätiger Eltern. Noch schwieriger ist die Situation im ländlichen Raum. „In meinem Ort ist das Angebot für unter Dreijährige kaum vorhanden“, erzählt Miriam Brandner, Mutter von zwei Kindern (drei und sechs Jahre). „Es gibt eine Tagesmutter, die voll ausgelastet ist.“

DILEMMA ARBEITSZEIT.

Ungünstige Arbeitszeiten, die wiederum in Zusammenhang stehen mit den oft zu knappen Öffnungszeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen, waren für 30 Prozent der befragten Frauen ein Hindernis. „Firmen müssen etwas anbieten können und den Nutzen von flexiblen Arbeitszeitmodellen zum Beispiel für Alleinerzieherinnen erkennen“, sagt Vollmann. Diese Erkenntnis setzt sich zwar immer mehr durch, in manchen – vor allem männerdominierten – Branchen steht man aber noch am Anfang. Die Elektromaschinentechnikerin Ines Leusch (25), alleinerziehende Mutter eines Sohnes, arbeitete vor der Geburt im Spielautomatenbau. Ein Job, der mit vielen Überstunden und auch Arbeiten am Wochenende verbunden war. Die Möglichkeit, nach der Karenz Teilzeit zu arbeiten, gab es nicht, so blieb für sie nur eine Möglichkeit, Geld zu verdienen: als Putzfrau. Seit Kurzem geht ihr dreijähriger Sohn in den Kindergarten, und Ines Leusch hat eine befristete Vollzeitstelle in ihrem erlernten Beruf gefunden.