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Keine Angst vor einem Stückchen Stoff

Was tun, wenn der kleine Sohn unbedingt ein Kleidchen will? Eines nähen natürlich. Und einige zweifelnde Fragen beantworten.

Mehrere Wochen lang bettelte der kleine Sohn, ich möge ihm bitte ein Kleid nähen. Wann immer meine Jungs mit Klamotten-Nähwünschen ankommen, bin ich mittlerweile etwas vorsichtig und warte, ob der Wunsch sich hält, da so einiges, was sie gern haben wollten (und was ich genau so genäht habe, wie sie es haben wollten), am Ende dann doch kaum angezogen wurde. Der Kleidchenwunsch des kleinen Sohnes hielt sich aber. Ausgesucht hat er sich das Trägerkleid nach einem Schnittmuster von „klimperklein“ und aus einem Einhorn-Stoff von „Hamburger Liebe“, einem wunderschönen Stoff, den ich aber irgendwie schwierig zu kombinieren finde, wenn man nicht total auf das Lila-Rosa-Schema einsteigen möchte. Scheinbar ist es mir aber zufriedenstellend gelungen, denn der kleine Sohn liebt sein Kleidchen heiß und innig. Dass die Knöpfe in ungleichmäßigem Abstand angenäht sind und ich mir vielleicht doch die Mühe hätte machen sollen, für den Saum die Overlock umzufädeln, stört ihn überhaupt nicht. Er tanzt und tobt darin durch die Wohnung und fragt jeden Tag, wie lange es noch dauert, bis es endlich warm genug ist, um das Kleid im Kindergarten tragen zu können. Ein voller Erfolg! Eigentlich gäbe es dazu gar nicht so viel mehr zu sagen: Wenn mein Sohn sich ein Kleid wünscht, dann bekommt er eins. So einfach ist das.

So einfach ist das scheinbar nicht für alle. Während des Nähprozesses habe ich immer einmal wieder einzelne Zwischenschritte im Internet gezeigt, und jedes Mal erreichten mich dazu einige Fragen. Also gut, machen wir das große Fass auf und beschäftigen uns damit, welche Sorgen und Ängste ein Kleidchen auslösen kann, wenn es von einem männlichen Kind getragen wird.

„Ein Junge in einem Kleid? Das sieht doch lächerlich aus! Kleider sind was für Mädchen.“
Je länger ich drüber nachdenke, desto absurder finde ich das. Zum einen denke ich, wer es lächerlich findet, wie ein Mädchen auszusehen, sollte mal gründlich über sein oder ihr Frauenbild nachdenken. Was sich für welches Geschlecht angeblich gehört oder nicht, ist für mich mittlerweile schon fast eine antiquierte Denkweise, die sehr schön zeigt, dass Geschlechterrollen ausgedachte Konstrukte sind, die hauptsächlich in unseren Köpfen existieren. Zum anderen finde ich es irritierend bis bedenklich, einem Kind, das sich ein Kleid wünscht, erst einmal in die Unterhose gucken zu wollen, um entscheiden zu können, ob es eins haben darf.

„Darf er das dann auch draußen anziehen?“
Selbstverständlich! Im Winter ist es dafür leider zu kalt, aber sobald es wärmer wird – natürlich! Ich habe das Kleid extra eine Nummer größer genäht, damit es meinem Sohn auch im Sommer noch passt.

„Ich hätte Angst, dass er irgendwie ausgegrenzt oder gehänselt werden könnte. Bereitest du ihn darauf vor, dass das passieren könnte?“
Diese Frage hat zwei Teile, und der erste beantwortet sich eigentlich von selbst: „Ich hätte Angst.“ Ja, genau, du hast diese Angst. Dein Kind nicht. Vielleicht siehst du Normen und Grenzen, die dein Kind (zum Glück!) noch nicht sieht. Dein Kind ist frei davon, es hat einfach Spaß daran, sich auszuprobieren.

Zum zweiten Teil der Frage: Ja und nein. Ja, ich bereite mein Kind in gewisser Weise darauf vor, dass andere sich blöd verhalten könnten – indem ich mich bemühe, ihm ein möglichst standhaftes Selbstbewusstsein und ein paar schlagfertige Antworten mit auf den Weg zu geben. Mein Sohn findet sich wunderschön in seinem Kleid und mit den rosa Haarspangen, die er seiner Schwester gemopst hat. Er genießt es, darin durch die Wohnung zu tanzen, er fühlt sich toll. Niemand hat ein Recht, ihm diese Leichtigkeit kaputt zu machen. Ich sage ihm, dass er schön aussieht. Bejahe seine Frage, ob ich ihm auch noch ein zweites Kleid nähe. Kurz: Ich unterstütze ihn in seinen Interessen und Vorlieben, ganz egal ob es dabei um Kleidung geht oder ums Malen oder darum, Nägel in Baumstämme zu kloppen.

Und nein. Nein, ich sage keine Sätze wie: „Du kannst das schon machen, aber du musst wissen, dass das anderen nicht gefallen könnte und dass sie dann vielleicht blöde Sachen zu dir sagen.“ Ich möchte ihm nicht beibringen, dass er die Erlaubnis von anderen Menschen braucht, um so sein zu können, wie er ist. Dem kleinen Sohn kommt es auch überhaupt nicht in den Sinn, dass andere ihn wegen eines schönen Kleides auslachen könnten. Im Freundeskreis des großen Sohnes wird phasenweise leider erwartet, dass man sich von Mädchen und allem, was mädchenhaft scheint, möglichst stark abgrenzt. Da wird das Wort „Mädchen“ auch unter Siebenjährigen schon hin und wieder als Beleidigung verwendet und „Iiiiih, Määädchen!“ und „Bäääh, rosa!“ gesagt. Wenn es einen Standardsatz gibt, mit dem ich meine Kinder in dieser Hinsicht irgendwie wappnen will, dann lautet der: „Alle Farben sind für alle Kinder da, und Jungs dürfen Kleider anziehen, genauso wie Mädchen Hosen anziehen dürfen.“

„Habt ihr noch nie blöde Reaktionen bekommen?“
Hm. Ich glaube, etwas richtig Blödes war tatsächlich noch nicht dabei. Es gab schon öfter das typische „Aber das ist doch eine Määäääädchenfarbe!“ oder „Damit spielen doch nur Mädchen!“ und Ähnliches; sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern. Und ja, zwischenzeitlich hat das meine Jungs ein bisschen verunsichert. Mehr habe ich bisher noch nicht mitbekommen. Ob hinter unserem Rücken irgendwie getuschelt wird oder ob sich irgendjemand an den pinken Sneakern des kleinen Sohnes stört, ist mir aber auch einfach herzlich egal.

Den gesamten Text finden Sie in „Welt der Frau“ 06/16 – von Ella Hartmann

Erschienen in „Welt der Frau“ 06/16 – von Kathrin Schwediauer