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Kfb-Sozialprojekt; „Ich verdiene  es, zu leben“

In Nicaragua stellen sich Frauen ihrer schmerzlichen Vergangenheit und helfen damit vielen anderen, die während ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden sind.

Die Sonne flirrt auf dem Asphalt. Niedrige Bäume am Straßenrand spenden kaum Schatten. Nur wenige Autos verirren sich in jene ruhige Seitengasse von Managua, wo hinter einem hohen, weißen Zaun mit scharfen Spitzen die Organisation „Aguas Bravas“ einen Ort für Frauen geschaffen hat, die das Gefühl von Sicherheit besonders brauchen. Alle, die hier Rat und Hilfe suchen, teilen die traumatisierende Erfahrung, während der Kindheit von nahestehenden Männern sexuell missbraucht worden zu sein. Viele Jahre müssen vergehen, bis sie den ersten Schritt wagen, sich jemandem anzuvertrauen. Das Kind in ihnen ist zerbrochen. Die tiefe Verletzung bleibt als dauerhafter Schaden in der erwachsenen Frau zurück.

In den freundlich gestalteten, angenehm kühlen Räumen werden Betroffene von Frauen erwartet, die sich gut mit den Folgen falscher Schuldgefühle, unerträglicher Orientierungslosigkeit und zerbrochenem Vertrauen auskennen, weil auch sie einmal Mädchen waren, denen die Lebenskraft geraubt wurde und die bei „Aguas Bravas“ nur mit Mühe zu sich selbst gefunden haben.

Viele Frauen in Nicaragua erleben den ersten sexuellen Kontakt als Vergewaltigung – häufig als junges Mädchen oder noch als Kind. Gewalt und die frauenverachtende Haltung eines unhinterfragten Machismo gehören noch immer zum Alltag. Wegschauen auch. Denn das Verständnis erzogener Mütter, Tanten, Schwestern für ein mutiges und laut ausgesprochenes „Nein“ reift erst langsam heran, sind doch viele von ihnen selber Opfer, die meinen, derartige Übergriffe müssten erduldet werden.

NICHT LÄNGER SCHWEIGEN
„Wir alle hier sind Überlebende“, sagt Georgina Rivera ruhig und klar. Die 29-jährige Psychologin der Selbsthilfeorganisation hatte vom siebten Lebensjahr an bis ins Erwachsenenalter über das tabuisierte Unrecht, das ein älterer Bruder und ein Nachbar an ihr begangen hatten, geschwiegen. Erst während ihres Studiums sei ihr klar geworden, dass sie das ändern müsse. Dabei wurde an der Universität sexueller Missbrauch an Kindern selten thematisiert. Umso interessierter hörte sie dem Vortrag einer Therapeutin zu, die aussprach, dass Opfer Hilfe bräuchten. Rivera lernte eine Mitbegründerin von „Aguas Bravas“ kennen. Von da an ging es bergauf. Die junge Frau erkannte, dass sie die Aufarbeitung ihrer Erlebnisse angehen und sich ihren Problemen mit der Familie und im Zusammenleben mit anderen stellen musste – „oder ich sterbe“.

„Die Täter nehmen sich etwas von deinem Leben und lassen dich eingefroren zurück“, beschreibt Rivera ihren Zustand, bevor die Tränen endlich wieder fließen konnten. Es sei für betroffene Frauen ganz wichtig, ihre Wut und ihren Schmerz hinauszuschreien. „Erst indem der Täter mit seiner Schuld konfrontiert wird, bekomme ich meine Stimme und damit mein Leben zurück“, sagt sie. Rivera überwand allmählich ihre innere Starre, stieß damit ihre Peiniger von einem imaginären, aber hohen Sockel und rang hart mit der Frage, ob sie sich beruflich auf dieses „unheimlich schmerzhafte Thema“ spezialisieren solle. Sie tat es im Wissen, dass betroffene Frauen eine lange und gründliche Auseinandersetzung nur mit professioneller Begleitung durchstehen können und dass es im Land kaum qualifiziertes Personal gibt.

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Die stellvertretenden kfbö-Vorsitzenden Veronika Pernsteiner (2. v. li.) und Anna Rosenberger (re.) beim Projektbesuch in Nicaragua. Foto: Renate Stockinger/OÖN

PROFESSIONELLE BEGLEITUNG
„Aguas Bravas“ bedeutet ins Deutsche übersetzt „Wildwasser“. Es ist ein Strudel unerklärlicher Gefühle und Ängste, in den Missbrauchsopfer von klein auf geraten. Georgina Rivera ist mittlerweile eine von sechs Mitarbeiterinnen der Organisation. Diese ist bislang die einzige in Nicaragua, die in der Kindheit missbrauchten Frauen eine Aufarbeitung ihrer Erlebnisse unter professioneller Begleitung ermöglicht. Angeboten werden Einzel- und Gruppentherapien, oft über mehrere Jahre hinweg, darüber hinaus Weiterbildungen für Fachkräfte, ÄrztInnen, AnwältInnen, Polizisten. Auftritte im Fernsehen, im Radio und Artikel für Zeitungen machen das Thema etwas mehr publik. Die Katholische Frauenbewegung Österreichs begleitet das Projekt seit der Gründung 2007. Hunderte Frauen haben von den durchdachten Maßnahmen bereits profitiert.

FÜR EIN BESSERES LEBEN
Die meisten Frauen, die sich in den Besprechungs- und Bewegungsräumen und im schattigen Garten hinter dem weitläufigen Gebäude treffen, kommen per Bus. Anderes könnten sie sich bei den steigenden Lebenshaltungskosten in Nicaragua gar nicht leisten. Regelmäßige Jobs sind rar, Bildungschancen gering, Alleinerzieherinnen oft auf sich gestellt und in ihrer Rolle als Frau und Mutter wenig geachtet.

„Alle unsere Angebote sind gratis“, betont Rivera. Das ist auch für Eveline Sanches wichtig. Armut und emotionale Ausnahmezustände lässt sich die 42-Jährige nicht anmerken: Die dunklen Augenbrauen hat sie fassoniert. Sie trägt schlichte Creolen und ist dezent geschminkt. Vieles im Leben habe sie ohne jede Richtung begonnen, schildert sie. Warum sie immer nur an üble Männer geriet, statt eine liebevolle Beziehung zu führen, warum sie geschlagen und heruntergemacht wurde, verstand sie nicht. An allem Schlechten, das ihr widerfuhr, sei sie selber schuld, dachte sie. Ihre zwei Töchter, 16 und sechs Jahre alt, hätten fürchterlich darunter gelitten. „Ich wüsste nicht, wo ich heute wäre mit dem großen Schmerz in mir“, sagt sie mit Tränen in den Augen. „Aguas Bravas“ habe mit ihr drei Frauen zugleich gerettet – denn auch die Töchter spüren die starke Veränderung, die von der Mutter ausgeht, seit sie vor zwei Jahren zur Selbsthilfeorganisation gekommen ist. Sie sollen ein besseres Leben haben. 

Eveline Sanches’ Missbrauchserfahrung begann ab dem 4. Lebensjahr, nachdem ihre Mutter tödlich verunglückt war. Die Therapiesitzungen zweimal pro Woche stabilisieren sie. „Ruf mich an, wann immer du Hilfe brauchst – das hat zu mir vorher noch nie jemand gesagt“, schildert sie in Dankbarkeit, dass sie hier aufgefangen wird. Es ist der Nährboden, auf dem langsam ein Selbstvertrauen wächst, das ihr über den Zorn hinweg- und durch die tiefe Traurigkeit hilft, das die Albträume vertrieben und ihr Asthma gelindert hat. Eveline Sanches findet jetzt Mut, Pläne für die Zukunft zu schmieden. Denn: „Heute weiß ich: Ich verdiene es, zu leben!“

Titelbild: Georgina Rivera begleitet Missbrauchsopfer. Eveline Sanches (re.) ist eine dieser Betroffenen.

Zukunft spenden

Spenden an die Katholische Frauenbewegung kommen professionell begleiteten Projekten zugute und sind steuerlich absetzbar. Kfb-Vorsitzende Veronika Pernsteiner hat die Frauen von „Aguas Bravas“ heuer besucht und erfahren, dass die Erfolgserlebnisse den Mitarbeiterinnen helfen, all das Negative, das die Frauen erzählen, zu ertragen. Georgina Rivera sagt: „In unserem Rechtssystem ist der Missbrauch nach fünf Jahren verjährt, in unserer Arbeit bei ,Aguas Bravas‘ verjährt der Missbrauch nie. Deshalb ein Danke an die Frauen in Österreich, die an unsere Arbeit glauben und uns weiterhin unterstützen, damit wir den Frauen in Nicaragua helfen können.“

Spendenkonto „Aktion Familienfasttag“:
IBAN: AT86 6000 0000 0125 0000
BIC: OPSKATWW
Kennwort: teilen spendet zukunft/Code A3
Ihre Spende ist steuerlich absetzbar.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 10/15 – von Romana Klär