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Kinderschuhe im Gepäck

Bitte, bitte, ans Meer! Nein, lieber auf einen Bauernhof! Und ich will einfach meine Ruhe! Familienurlaub, wir kommen!

Mit Kindern zu reisen ist aufwendig, oft herausfordernd, aber auch aufregend und schön. Denn ganz gleich, ob man einen anderen Kontinent entdeckt oder in den Bregenzer Wald fährt – es geht darum, gemeinsam etwas zu unternehmen, die Welt im Großen und im Kleinen zu erkunden, Erlebnisse zu teilen. Dazu braucht es nicht immer ein großes Budget. Nur den Willen, sich auf den Weg zu machen, um Neues kennenzulernen.

Moritz hat die Abenteuerlust gepackt. Schon als Bub wollte er begreifen, warum Vulkane Feuer speien, und reiste deshalb mit seiner Mama nach Sizilien. Es folgten Fahrten im Nachtzug nach Hamburg, wo den Teenager der riesige Hafen anlockte. Kürzlich flog er nach Barcelona. Strahlend zeigt Moritz seine Bilder und erinnert sich, wie „im Flug über Italien der Po-Fluss in der Mittagssonne wie ein brennender Drache geglitzert hat“. Unten, auf spanischem Boden, meinte er: „Mama, da schaut mich gar niemand blöd an.“

Tatsächlich haben der 15-Jährige und seine Mutter Maria Potz die Hauptstadt Kataloniens als reisefreundliche Destination empfunden – jedenfalls für Eltern, deren Kinder besondere Bedürfnisse haben. So wie ihre beiden Söhne, die aufgrund einer fortschreitenden Muskeldystrophie auf den Elektrorollstuhl angewiesen sind. „Aber auch für Eltern, die ihr Baby im Buggy durch eine barrierefreie Altstadt und am Strand entlangschieben wollen, ist Barcelona toll“, meint Maria Potz.

LEBENSFREUDE PUR
Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Moritz, der die Welt entdecken will, mag Felix Potz (12) nicht gerne von zu Hause weg. „Wer immer zeitlich und finanziell die Möglichkeit dazu hat, sollte mit seinen Kindern verreisen“, ermuntert Frau Potz dazu, auch scheinbar unüberwindbare Hürden anzugehen. Von den Erlebnissen könne man lange zehren. Bei Moritz, der sich selbstständig kaum mehr bewegen kann, weckt das Reisen jedenfalls Lebensfreude pur. Und seine Mutter ist ob des hohen Vorbereitungsaufwandes ihrer individuellen Fahrten „umso glücklicher, wenn dann alles funktioniert“. Trotz lockender Internet-Angebote schwört sie auf persönliche Beratung. Sie hat ein Reisebüro gefunden, in dem sich die Mitarbeiterin hinter das Telefon klemmt und den reibungslosen Transport von Moritz und seinem 125 Kilo schweren Spezialrollstuhl von der Haustür bis ins Hotel organisiert.

Österreichs Familien sind generell reiselustig. Wie eine aktuelle Tourismusanalyse des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung zeigt, sind 64 Prozent der Personen mit Kindern unter 15 im Jahr 2015 verreist, 57 Prozent haben das auch heuer vor. Im Vorjahr waren Österreich (25 Prozent), Italien (21 Prozent) und Kroatien (17 Prozent) die beliebtesten Familienziele. Seltener geplant werden außereuropäische Reisen (7 Prozent).

Lesen Sie weiter in „Welt der Frau“ 05/16.

Sohn Sonic ist Teil der Segel-Crew

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© Lara Sansberro

Karina Kaiblinger-Winkler hat mit ihrem Ehemann Hansjörg, einem leidenschaftlichen Segler und Profi-Skipper, auch für sich selber die Freude am Segeln entdeckt. Das Paar lebt mit seinen Kindern Mimi und Sonic teils in Niederösterreich, teils auf Mallorca. Wenn sie mit ihrem Segelschiff in See stechen, ist oft Sohn Sonic (4) dabei. „Er stapft – selbstverständlich nur bei wenig Wind und immer mit Schwimmweste – alleine über Deck, wirft in den Buchten selbstständig den Anker und steuert das Schiff zwar in Schlangenlinien, aber tendenziell in die richtige Richtung“, freut sich Mama Karina über Abenteuer, die sie als „Familien-Crew“ erleben. Die Freude an Bord sei, wie bei allem, was man mit Kindern macht, von der eigenen Ruhe abhängig, meint die Betriebswirtin, die mit ihrem Mann Segeltörns – unter anderem für Familien ohne Vorkenntnisse – organisiert. „Ich habe gelernt, dass Kinder nicht einfach als kleine Passagiere dabei sind, sondern dass ihnen das Schiff ebenso gehört wie uns, dass sie in Entscheidungen mit eingebunden sein möchten.“ Sei es, dass man einmal härter in den Wind geht, dass man den Badestopp verlängert oder überlegt, was in der Bordküche gebrutzelt werden soll.

JUFA Landerlebnisdorf: Abenteuer im Zelt

K3-1000euroWem eine Reise in die Mongolei zu weit und viel zu teuer ist, der kann sich im burgenländischen Neutal in eine Jurte einquartieren. Die Nomadenzelte bieten Platz für jeweils fünf Personen. Hausschuhe, Schlafsäcke und Taschenlampe nimmt man am besten mit. Tagsüber kann man Burgen und Ruinen erkunden, sich auf dem Spielplatz austoben, Beeren naschen, kegeln, Tiere streicheln oder im Waldbad gegenüber abkühlen. Wer lieber im Bett schläft, bucht ein Zimmer oder Appartement im „JUFA Sommerdorf“.
Kosten: sieben Tage / sechs Nächte im Familienzimmer, zwei Erwachsene, zwei Kinder, inklusive Halbpension 888,30 Euro. www.jufa.eu/mittelburgenland/

Gute Vorbereitung für besondere Bedürfnisse

Maria Potz unternimmt mit ihrem Sohn Moritz (15) gerne eine Reise – auch wenn der Junge einen Spezialrollstuhl fährt und viel persönliche Assistenz braucht, weil er sich aufgrund seiner körperlichen Behinderung kaum bewegen kann. Potz sagt: „Diese gemeinsamen Reisen tun unserer Seele gut. Wenn es daheim einmal nicht so gut läuft, holen wir unsere Schatzkiste der Erinnerungen, die uns niemand nehmen kann, hervor. Das gibt Kraft und macht Mut, weiterzugehen!“ Möglichkeiten zu Erholungs- und Therapieaufenthalten gebe es viele. ÄrztInnen, TherapeutInnen, vor allem Selbsthilfegruppen hätten hier den passenden Rat. Individualreisen vermittelten hingegen Normalität, gründliche Vorbereitung vorausgesetzt, meint Potz. „Wenn etwas als barrierefrei bezeichnet wird, heißt das noch lange nicht, dass es zu den eigenen Bedürfnissen passt. Man muss freundlich, aber konkret nachfragen – nicht ob das Badezimmer rollstuhltauglich ist, sondern wie breit die Türe ist, wie viele Quadratmeter das Bad hat. Was alles ohne Spezialtaxi erreichbar ist.“ Nur wer beharrlich bleibt und sich von Profis helfen lässt, komme weiter. 

Tipps

  • Das Global Greeter Network  findet auch für Familien mit kleinem Budget Menschen, die ehrenamtlich beziehungsweise manchmal gegen eine Spende ihre Stadt oder ihre Umgebung zeigen. www.globalgreeternetwork.info (Website teilweise in Englisch)
  • Wer eine Reise mit dem eigenen Wohnmobil oder Zelt unternehmen möchte oder eines von beiden nur kurzfristig mieten will, findet Anregungen unter www.eurocamp.at. Auch einige Baumhäuser sind dabei.
  • Übernachten mit Kindern geht auch prima in einem Kloster. An diesen historischen Orten gibt es für die jüngeren ReiseteilnehmerInnen vieles zu entdecken. www.kloesterreich.at


50_bc_1 KLEINAnnet Rudolph:
Alles unterwegs.
Reisespiele vom kleinen Raben Socke.
Thienemann–Esslinger Verlag,
Preis: 6,95 Euro

Von skurrilen Gestalten, frittierten Spinnen und Kaugummi-Verboten / Neue NATIONAL GEOGRAPHIC-Reihe "Für Eltern verboten!" nimmt junge Leser mit auf eine Weltreise der besonderen Art„Für Eltern -verboten!“
„Cool verrückte Reiseführer
von Lonely Planet, zahlreiche Länder und Städte.
Für Kinder ab 8 Jahren.
ab 10,30 Euro

Kleine Reise-Checkliste

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© blog.travelkid.at

Reisetipps von Patrice Kragten, die mit ihrer Tochter Romy (13) die Welt bereist und seit 2008 für „Travelkid“ Fernreisen und individuelle Rundreisen für Familien organisiert. 

Für die Planung …

  • Hole Infos über das Reiseziel ein, suche jemanden, der wirklich dort war. Mit Kind! Prüfe zeitgerecht Reisedokumente und Impfpass.
  • Bedenke, dass sich deine Kinder jedes Mal, wenn du die Unterkunft wechselst, an ein neues Bett gewöhnen müssen. Wie leicht fällt das deinen Kindern? Vom Ein- und Auspacken abgesehen. Nimm dir Zeit! Weniger ist mehr.

Für unterwegs …

  • Kinder verarbeiten neue Eindrücke beim Spielen und brauchen deswegen während der Reise Freizeit. 
  • Lasst eure Söhne und Töchter an einem „Kindertag“ möglichst viel mitbestimmen: Was und wo essen wir, was wollen wir tun?
  • Nutze auch in fremden Ländern die öffentlichen Verkehrsmittel.
  • Mache mit den Kindern einen Rundgang durch die Unterkunft und erkläre ihnen den Weg zum Zimmer. Mache deutliche Absprachen, wo die Kinder sich frei bewegen können und wo nicht.
  • Wenn Kinder ein Reisetagebuch schreiben und mit Zeichnungen und Eintrittskarten bestücken, werden schöne Erinnerungen und Erlebnisse daheim wieder lebendig.

Erschienen in „Welt der Frau“ 06/16 – von Romana Klär