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Kleidung tragen, bis nichts mehr geht

Gibt es sie noch? Frauen, die Laufmaschen in der Strumpfhose kleben, Socken stopfen und löchrige Hosenbeine abschneiden? Und wenn nicht, wohin dann mit alter Kleidung? Auf der Suche nach lebensverlängernden Maßnahmen für Rock, Bluse, Hose und Co.

Esther Weinberger: Flicken, Stopfen, Umnähen

„Meine Oma hat jeden Mantel und jeden Pulli aufgetrennt. Die Wolle wurde fein säuberlich aufgewickelt, die Stoffteile wurden gewaschen, gebügelt und sortiert. Meine Mutter hat aus alter Kleidung neue Sachen für uns Kinder genäht. Und was wir nicht mehr trugen, wurde weitergegeben. Kleidung hatte einen enormen Wert bei uns“, erinnert sich die 56-jährige Esther Weinberger an ihre Kindheit und Jugend. Später folgten dem Zeitgeist entsprechend Jahre des schnellen Kaufens und Entsorgens, weil die Kleidung so billig geworden war und sich daher das Flicken, Stopfen und Weiterverwerten anscheinend nicht mehr auszahlte. „Keiner hat damals nachgedacht. Irgendwann aber habe ich meinen Blick darauf gerichtet, warum Kleidung so günstig geworden ist.“ Mit Schrecken musste Weinberger zur Kenntnis nehmen, dass Kleidung nur deshalb so günstig sein kann, weil die NäherInnen schlecht bezahlt werden. Zudem wurden ihr der enorme Ressourcenverbrauch und der Einsatz von Chemikalien beim Herstellen von Kleidung klar. „Da sind mir die Augen aufgegangen“, sagt sie und wollte von da ab nicht länger billige Kleidung um jeden Preis. In der Zeit begann sie, vermehrt ihre eigene Kleidung zu nähen und insbesondere mit viel Leidenschaft aus alter Kleidung Neues zu entwerfen. 

Als die Sozialarbeiterin aus Wien mit 50 Jahren beruflich noch einmal etwas Neues beginnen wollte, machte sie genau diese Leidenschaft zu ihrem neuen Standbein. Seitdem bietet sie Workshops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene an, in denen Kleidung mit ihrer Unterstützung repariert und „upgecycelt“ – durch Neugestaltung aufgewertet – werden kann. Geflickt wird von Socken bis Mantel alles, was noch nicht in alle Teile zerfällt. Nur manchmal ist der Stoff schon so zerschlissen, dass eine Rettung unmöglich ist. Beliebte Reparaturanlässe sind Löcher in der Kleidung. Und die liebt Esther Weinberger: „Das ist eine gute Chance, durch nette Applikationen Individualität in ein Kleidungsstück zu bringen. So hat etwa ein Mann einmal einen Zebrastoff auf einen kaputten Jackenärmel genäht.“

Beim Zerschneiden und Neugestalten ihrer alten Kleidung sind Kinder am unbefangensten. Erwachsene dagegen haben oft Hemmungen, in ein Kleidungsstück zu schneiden, und Jugendliche tun sich mit Eigenkreationen tendenziell schwerer, weil Mode für sie eher Mainstream-orientiert und nicht individuell ist. „Aus einer Hose einen Rucksack zu machen, das finden sie aber schon cool“, so die passionierte Kleidungsverwerterin, die auch nicht davor Halt macht, ihre eigene Unterwäsche aus gebrauchten T-Shirts zu nähen. Weniger als ein Jahr ist laut Umweltberatung Österreich derzeit die durchschnittliche Lebensdauer eines Kleidungsstücks. In Esther Weinbergers Workshops wird sie mit Garantie um einiges verlängert und dabei der für Österreich geschätzte jährliche Altkleiderberg von 80.000 Tonnen um einige Kilo verringert. 

Esther Weinberger hat dem Wegwerfen abgeschworen und fühlt sich wohl in ihrem Reich aus Stoffen und gebrauchter Kleidung, die repariert wird. 

Weitere Porträts und Infos zum Thema finden Sie in der „Welt der Frau“ – Ausgabe 01/16