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Krankenhäuser für die Kellis<br>ab 11 Jahren

Insekten im Allgemeinen und Kellerasseln im Besonderen haben meinen jüngsten Sohn schon immer magisch angezogen. Was für andere Buben die Dinosaurier sind, waren für meinen Filius die Minimonster. Das ging so weit, dass er sich mit vier Jahren Spinnen die Unterarme entlangkrabbeln hat lassen, leidenschaftlich gern mit Kriechtieren auf unserer Terrasse gespielt und sich mit ihnen sogar unterhalten hat. Meinen Kindern einen achtsamen Umgang mit allen Lebewesen zu vermitteln, das war mir stets wichtig und so hab ich ihn nur aufmerksam gemacht, er müsse schon gut aufpassen, dass er die zarten Kellerasseln nicht verletze. Als Reaktion baute er aus Steinen winzige Höhlen, „Krankenhäuser für die Kellis“, in denen sich die Tierchen erholen sollten. Die beinah obsessive Beschäftigung mit Insekten des elfjährigen Hidde im Buch „Krasshüpfer“ ist ihm also nachvollziehbar – und ich habe mich gefreut, dass auch er das Buch gelesen hat, weil ich seine Meinung hören wollte. Dass ihm die krakeligen Kugelschreiberzeichnungen gefallen, hab ich gleich gewusst..

Hidde lebt in einer beschädigten Familie. Der Vater ist weg, die Mutter kaum physisch anwesend. Ward, der älteste der drei Brüder, ist vor einigen Jahren gestorben und Jeppe, der mittlere, macht Hidde, dem jüngsten, das Leben schwer. Den für Hidde lebenswichtigen Rückzugsort, das Insektenlabor im geheimen Keller, will der Große ihm streitig machen: Jeppe braucht dringend einen Probenort für sein Schlagzeug – sein Umgang mit dem Drama der Familie. Hidde beschreibt den Krieg, der nun zwischen den Brüdern entbrennt: Wir lesen sein Tagebuch über die Dauer von 2 Monaten, in dem er bis ins Detail seine Strategien zur Verteidigung seines Territoriums dokumentiert. Wir hoffen mit ihm, dass es gelingt, sich durch die Freundschaft mit seiner Klassenkollegin Lieke vor den Angriffen des Bruders zu schützen. Mädchen haben die Macht, den großen Bruder zu zähmen. Hiddes zarte Annäherungsversuche sind unbeholfen und unfreiwillig komisch. Von diesen witzigen Szenen spannt sich ein feiner Bogen hin zu existenziellen Fragen und philosophischen Gedankengängen des Buben, der sich in seinem Schutzbedürfnis mit seinen Insekten identifiziert, und sich mit der Endlichkeit versöhnt als Teil des großen Ganzen: Er stellt sich vor, die Totengräberkäfer hätten nach Wards Beerdigung ein großes Fest gefeiert. Und auch er betrachtet sich als zukünftiges Futter für seine Krabbelviecher.

 

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An die Sache mit Lieke geht er zu Beginn introvertiert heran und kommt ihr dann doch näher. Und das fulminante wie dramatische Finale bringt Befreiung für die ganze Familie: Hidde hat genug von dem schwarzen Loch und beginnt sich neuen Beziehungen zu öffnen. Den Kriechtieren schenkt er schließlich die Freiheit. Letztendlich gewinnt er auch noch den neuzugezogenen Nachbarbuben zum Freund. Das war für uns Lesende neben Hiddes Versöhnung mit Jeppe besonders tröstlich.

 

 

Mit großer Anteilnahme haben wir beide den Roman gelesen, waren mitgenommen von dem Bruderzwist und der unterkühlten Stimmung zwischen den Familienmitgliedern. Mein Sohn fand den Umgang des großen Bruders mit dem kleineren unmöglich: Niemand steht ihm zur Seite, der Vater geht schmerzlich ab, der älteste Bruder sowieso. Manche Reibereien zwischen meinen beiden Söhnen, die sich bei sechs Jahren Altersunterschied tapfer immer noch ein Zimmer teilen, erschienen geradezu läppisch. Auch eine wertvolle Einsicht nach der Lektüre dieses ausgezeichneten Romans – im wahrsten Wortsinn: 2013 erhielt der Niederländer dafür den Goldenen Griffel. Die renommierte Autorin Mirjam Pressler hat den Text ins Deutsche übertragen.

Nur einen Kritikpunkt muss sich Herr van der Geest von mir anhören, und darin war ich mit meinem Söhnchen sofort einig: Seine Landsfrau Bibi Dumon Tak (siehe Blogbeitrag „Diese frechen Gassenjungen“ vom 13. April 2016) hat uns hoffnungslos verwöhnt punkto biologisch korrekter Infos. Hiddes Experiment, einen Regenwurm in zwei Teile zu zerschneiden, endet nach 123 Sekunden mit der Eintragung „Sie haben sich gefunden. Reiben die Köpfe aneinander. Sieht aus, als würden sie sich küssen …“ (S. 70) Was als Sinnbild für Einsamkeit und Hiddes Sehnsucht nach Zuwendung, Geborgenheit und Liebe gelesen werden kann, ist schlicht falsch, wie wir spätestens von Frau Tak wissen, bei der es klar heißt: „Wenn man also einen Wurm durchschneidet, dann bekommt man nicht zwei Regenwürmer, wie viele behaupten, sondern einen toten.“ (Mücke, Maus und Maulwurf S. 17) Auch dass in Hiddes Tagebuch immer wieder nur von seiner Insektensammlung die Rede ist, er aber im Keller außerdem drei Arten Schnecken und eben auch Regenwürmer beherbergt, ging uns gegen den Strich. Der Faszination und Brillanz dieses Romans tun diese Haarspaltereien, die ein Lektorat mit Leichtigkeit hätte ausräumen können, keinerlei Abbruch. Wir wünschen dem „Krasshüpfer“ viele Leser und Leserinnen von 11–99, sie werden berührt und bereichert sein!

 

 

Simon van der Geest:

Krasshüpfer

Ab 11 Jahren

Thienemann Verlag 2016

ISBN 978-3-522-18425-0

EUR 13,40

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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