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Skulpturen von Gisela Stiegler scheinen aus einem Material gearbeitet, das Widerstand leistet. Sie sagen die Wahrheit, indem sie täuschen.

Skulpturen von Gisela Stiegler wirken oft wie ursprünglich tadellos geometrische, makellos minimalistische Gebilde, die nachträglich grob bearbeitet worden sind. Sie hätten außerordentlich korrekt sein können, von einer jedem kritischen Zugriff entzogenen souveränen Glattheit, sind es aber nicht. Sie wirken wie roh behauene Steine, grob mit der Kettensäge bearbeitete Holzblöcke. Aber sie sind weder das eine noch das andere.

Skulpturen von Gisela Stiegler stehen auf dem Boden, sind an der Wand befestigt, bilden den Plafond eines kleinen Raumes und hängen manchmal sogar frei. Sie können wie ein Denkmal wirken, dann wieder wie ein Teil der Architektur oder wie ein seltsames Möbelstück, eine Ablage, später Nachkomme barocker Wandtischchen. Diese Dinge scheinen zwecklos im Weg zu stehen und geben sich dann doch wieder den Anschein einer praktischen Verwendbarkeit. Doch weder das eine noch das andere ist gültig.
Skulpturen von Gisela Stiegler wirken massiv und schwer. Sie scheinen aus einem Material gearbeitet, das Widerstand leistet, Stein oder Holz, auf jeden Fall sind es Gebilde, deren Nähe zur Natur durch die Bemalung zwar verschleiert wird, aber doch in der Gesamterscheinung zum Vorschein kommt. Doch sind diese Gebilde aus Styroporblöcken geschnitten, mit scharfem Messer herausgearbeitet. Der Kunststoff leistet keinen Widerstand. Die Bemalung, meist in Weiß, Grau und Schwarz, aber auch in einem leuchtenden Blau und in letzter Zeit in Grün und Rot, schafft den Gebilden eine porenfreie Oberfläche, überzieht sie mit Glanz. Die für jede Skulptur einheitliche Farbe hält die Gestalt zusammen. Gewichtiger wirken die Gebilde durch das Aufsetzen eines goldenen Reifens oder das Beifügen mächtiger Stemmerhanteln. Doch diese scheinbar schweren Massen sind aus Papiermaschee geformt.

Zwischen dem Künstlichen und dem Natürlichen, zwischen reiner Konstruktion und expressiver Gestaltung, zwischen Selbstgenügsamkeit und Verwendbarkeit schaffen die Skulpturen von Gisela Stiegler einen eigenen Bereich. Sie erinnern an vieles, nehmen zu vielem Bezug auf, sind präzise in der Formulierung und offen für all das, was Betrachtende an sie herantragen. Und: Sie haben Witz.  

Kunstwerk: Gisela Stiegler, Ohne Titel – Skulptur, Styropor, Acryl und Papiermaschee, 175 x 70 x 60 cm, 2016

55_portrait_giselastiegler-kleinGisela Stiegler ist 1970 in Suben bei Schärding geboren. Sie hat Malerei studiert und sich später der Fotografie zugewandt. In den letzten Jahren sind zahlreiche Skulpturen entstanden. www.giselastiegler.com

Erschienen in „Welt der Frau“ 01/17 – von Gustav Schörghofer