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KW 10/2014: Kardinalschnitte

Sind Lebensmittel eigentlich Dinge? Sind tote Tiere Dinge oder zu Nahrung verarbeitete Pflanzen? Immer öfter frage ich mich, was das eigentlich ist, ein Ding. – Diesmal muss es aber um die Kardinalschnitte gehen.

Sie ist mir am vergangenen Dienstag beim Chorsingen über den Weg gelaufen. Ich bin Mitglied in einem Laienchor, der durch Essen und Trinken mindestens genauso zusammengehalten wird wie durchs Singen. Man trifft sich alle drei Wochen reihum in bestimmten Privatwohnungen. Vor der Probe gibt es Käse, Brot und Wein. Während der Probe nippt man am Wein, und nach dem Singen – so gegen 22 Uhr – warten ein warmes Essen, Nachspeise und Wein. Wenn dann noch Luft drin ist, fängt man wieder an zu singen.

Ich habe hin und wieder ungläubig nachgefragt, ob das nicht zu viel Stress ist, wochentags immer zehn bis 15 Personen zu bewirten. Aber niemand im Chor will das ändern. Letzten Dienstag gab es also – gegen 22 Uhr – Boef bourguignon, exzellentes Erdäpfelpüree und Gemüse, besten Wein. Dann holten die GastgeberInnen zur Nachspeise noch zwei üppige Reihen selbst gemachter Kardinalschnitte hervor. Alle am Tisch waren bester Laune, aßen und redeten beim Essen übers Essen. Plötzlich durchglühte meinen ganzen Körper dieses klare Gefühl: Ja, ich bin mitten in Österreich. In Deutschland isst man auch gern, aber die Mahlzeit wird nie zu diesem verspielten, wonnefröhlichen Tanz wie hier.

Lebensmittel sind die einzigen Dinge, die wir uns wirklich einverleiben können, die durch uns hindurchgehen. Eigenartigerweise sind es auch die Dinge, die unmittelbar Gemeinschaft stiften. Vom selben Brot essen ist wie verwandt werden miteinander. Der Zauber der Nahrungsdinge lässt sich nicht ernährungsphysiologisch, nicht einmal psychologisch erklären. Er ist magisch. Hoch lebe die gemeinsam verzehrte Kardinalschnitte!

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