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KW 16/ 2014: Passionssäckchen

Im letzten Jahr in der Osterzeit (die etwas früher lag als heuer), lebte ich für ein paar Wochen im südspanischen Sevilla. Die Stadt ist bekannt für ihre großen Prozessionen in der „Semana Santa“, bei denen Bruderschaften in vollem Büßerornat Marien- oder Christusstatuen aus den Kirchen hinaus und durch die halbe Stadt tragen. Es ist ein großes Fest für alle, und schon lange vor der Karwoche sind die Schaufensterauslagen randvoll mit allerlei Devotionalien und nötigem Zubehör, da gibt es Büßersandalen, garstige Sisalgürtel, Geißeln, spitze Kappen und lange Kutten, die an den Ku-Klux-Klan erinnern, auch kleine Büßerpüppchen, die Nazarenos, fürs heimische Wohnzimmer-Regal.

Besonders faszinierend zu sehen fand ich, worauf man überall Schmerzmotive drucken kann. Auf T-Shirts, Uhren, Ansteck-Buttons, Tassen, Kugelschreiber, auf Pillendöschen und Zigarettenetuis. Überall kleben der dornengekrönte Jesus oder die tränenreiche Maria, den Blick nach rechts oben zum Himmel hinauf, oder nach links unten zur Erde niedergeschlagen. Es gibt sogar Passionsbonbons oder eben diese hübschen Passionssäckchen, von denen ich keine Ahnung habe, was man da hineinfüllt.

Recht besehen ist es eine gruselige Praxis, Folterszenen zum Souvenir zu machen. In mir löst dieser heilige Kitsch immer eine warm sentimentale Erinnerung an Kindertage aus und eine Mischung aus Lust und gleichzeitig Scheu, solche Dinge zu kaufen.  Eine befreundete Kunsthistorikerin meint, dass der Devotionalien-Handel eigentlich im Reliquienkult seinen Ursprung habe. Man will etwas mitnehmen vom Kreuz, vom Leib eines Heiligen, in dem magischen Glauben, dass auch der kleinste Partikel, wenn er nur vom Original abstammt, heilt und Wunder wirkt. Vielleicht sind also die Passionssäckchen genau das: der fadenscheinige Rest der Idee einer Reliquie. Wenigstens als Bild möchte man einen Zipfel des Ursprungs zu fassen bekommen und teilhaben an der alten, echten Passionsgeschichte.

Kommentare

2 thoughts on “KW 16/ 2014: Passionssäckchen”

  1. Hans Kouba sagt:

    die Passion mit der Passion – steckt im Passionssäckchen drin, zB. das Leid der Volksfrömmigkeit, Wegkreuze, Marterwerkzeuge und ein Zitat: ..
    “ es begegneten mir bei meinen ersten Schritten mehr Dornen als Rosen! …
    Ja, das Leiden streckte seine Arme nach mit aus, und ich warf mich mit Liebe hinein“
    Therese de Lisieux

  2. Regensburger-Zegg Roswitha sagt:

    Ich kann mit diesen Leidensbildern nichts anfangen, es gruselt mich direkt, es ist sogar ein
    Christuskreuz für mich schwer zu ertragen.
    Letzens bin ich mit Kindern einen Kreuzweg gegangen und muste die einzelnen Stationen
    erklären, das fiel mir sehr schwer. Habe ich im Religionsunterricht nicht richtig aufgepasst?
    Das ganze Leiden zu erklären oder zu verstehen ist für mich sehr schwer.
    Darum kann ich so etwas nicht kaufen.

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