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KW 22/2014: Teurer Stoff

Mit ihm hat alles angefangen. Vor einigen Wochen wollte ich es endlich und dringlich angehen, die vier hellen Fenster meines Schlafzimmers mit ordentlichen Vorhängen zu bestücken. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich will keine Rollos! Ja, ich weiß, dass sie sehr praktisch sind, preiswert, und den Menschen nicht vor unlösbare ästhetische Probleme stellen. Ich aber möchte morgens mit großer Geste wunderschöne Vorhänge zur Seite schieben. Sie sollen seifenglatt in ihren Schienen laufen, sich fast von selbst bewegen. Wie auf einem luftigen Schiff möchte ich mich fühlen, und doch gravitätisch als lebte ich in einem großen Landgut. Ja, so soll das sein.

Aus Gründen der Geschmacksbildung besuchte ich zunächst einen kleinen, exquisiten Dekorladen im ersten Wiener Gemeindebezirk. Hier zeigte man mir neben sagenhaft schönen Jugendstilmustern auch diesen edlen „Capuchins“-Leinenstoff der Firma Sandersen, der mir in seinem konservativen Kolonial-Stil ausnehmend gut gefiel. Was die Ladeninhaberin da allerdings ungerührt an Preiszahlen auf ihrem Block notierte, während sie die Meterlängen ausrechnete, summierte sich zu einer noch viel exorbitanteren Summe als ich erwartet hatte. Kein Zögern nötig. „Vielleicht lasse ich mir ja ein Kissen aus dem Stoff machen“, mit diesem seichten Abschied verließ ich den Laden.

Dinge können einen wahnsinnig machen. Mittlerweile habe ich dutzende Dekorläden durchforstet, habe große Blumenranken, kleine Karos, surreale Muster, Dimmer aller Art, Unistoffe in Chintz, Taft, Leinen, Polyester angefasst und bin komplett verwirrt. Nach den Sandersen-Capuchins wirkt eh alles andere hässlich. Doch was eigentlich erschlägt, ist die Tragweite der Entscheidung. Will ich wirklich 70 Kapuzineräffchen im Zimmer haben? Oder vier Mal 2,50 Meter lange grüne, gelbe, rote oder orangefarbene Säulen aus hartem Taft? Was im Kleinen hübsch ist, wird im Großen gern penetrant, und im Gegensatz zu Rollos wickeln sich Vorhänge tagsüber eben nicht ein.

Stoff ist massiv, das hab’ ich jetzt begriffen. Weil ich nicht weiter weiß, behelfe ich mir gerade mit billigen, schlimm cremefarbenen Blackout-Stoffbahnen vom Mariahilferstraßen-Komolka. Meine Freundin und ich nennen sie liebevoll „Die Pappen“. Sie machen – mit etwas Phantasie – das Schlafzimmer zu einer Art Hausboot. Geht auch. Fürs Erste zumindest.