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KW 24/ 2014: Gerüst

Beim Krachding, das mich in KW 14 quälte, ist es nicht geblieben. Ich wohne derzeit unter vollem Dachausbau und muss zum Stand der Dinge – ganz zu schweigen vom Kran, vom Lastenaufzug, vom zugemauerten Küchenfenster und diversen Betonmischgeräten – wenigstens das Gerüst hinzufügen. Seit drei Wochen zieht es sich als Balustrade über die ganze Häuserfront an meinen Wohn- und Schlafzimmerfenstern vorbei. Ich schaue auf es hinaus, es schaut zu mir herein. Um ihm etwas Gutes abzugewinnen, nenne ich es euphemistisch Balkon oder (wie eine Kollegin vorschlug) Sonnenschutz. Jedenfalls stand ich schon draußen, und könnte, wenn ich wollte, an den Fenstern meiner Nachbarn im dritten Stock vorbeimarschieren oder exorbitant herumturnen und Spiderman spielen.

Man muss sich aber nichts vormachen. Das Gerüst ist ein mieses Ding, ein fremdes, gigantisches Tier, das mein Haus und mich darin in fester, staubiger Umklammerung hält. Das Gemäuer ächzt, kracht, bröckelt und bebt unter seiner Ummantelung, und ich frage mich, ob überhaupt am Schluss etwas vom Haus oder meiner Wenigkeit übrig bleibt, wenn die Bauarbeiter schließlich das Korsett wieder wegnehmen. Der Außenraum wird größer, der Innenraum aber kleiner unterm Gerüst, und ich bin ein belagertes Wohnwürmchen, dem jederzeit jemand ans Fenster klopfen kann.

Mir geht es nicht alleine so. Der zweite Wiener Gemeindebezirk strotzt vor Bautätigkeit derzeit. Im Umkreis von 100 Metern stehen fünf eingerüstete Häuser. Die Inhaberin eines Wollladens in der Taborstraße hat die Stangen vor ihrer Tür eingehäkelt, verzweifelt hoch hinauf. Ihre Initiative griff auf die Nebenhäuser über, Wohneinrichter Frederik’s nutzt das Baugerüst als Aufhängung für bunte Firmen-Sackerl, ein anderer Laden hat die Rohre mit bunten Stofffetzen umwickelt. Recht so. Ich gebe meinem Gerüst manchmal abends beim Heimkommen einen kräftigen Tritt und hänge am Wochenende meine Wäsche daran auf. Sicher taugt es auch als Halterung für eine Hängematte. Wir Würmchen müssen Terrain zurückgewinnen.

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