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KW 28/ 2014: Goldene Gondel

Die Frage, was Dinge eigentlich lebendig macht, geht mir noch im Kopf herum. Gut, es steckt immer etwas Menschliches im hergestellten Gegenstand (die Arbeit, die Idee), und das wirkt – oft unbemerkt – in ihm fort. Quicklebendig wird ein Ding aber erst, wenn es für uns Bedeutung bekommt. Komischerweise gibt es auch da so etwas wie Lebensphasen. Wenn ich ein schönes Objekt erwerbe, schone ich es oft zu Beginn, um mich an es zu gewöhnen. Dann, mit ein wenig Gebrauchsspuren, wird es vielleicht zum Lieblingsding, bis es entweder entzwei geht oder wieder aus der Gunst fällt.

In einer kleinen Cassette bewahre ich immer noch den Talisman meiner Großmutter auf, ein Goldkettchen, an dem eine sehr fein gearbeitete Miniatur-Karwendelbahn hängt. Es war ein besseres Souvenir, das meine Großmutter aus einem Urlaub mitgebracht hatte und fortan nicht mehr ablegte. Solange ich denken kann, trug sie diese Kette, die sich über die braun-fleckige, faltige Halshaut schlängelte und dann, samt Anhänger, in ihrem mächtigen Dekolletee verschwand. Als kleine Kinder durften wir diese geheimnisvolle kleine Bahn manchmal hervorziehen und an der Kette hin- und herlaufen lassen.

Meine Großmutter ist lange tot, mehr als ein Vierteljahrhundert. Mich gruselt die Vorstellung, dass von ihrem Körper, außer ein paar Knochenresten vielleicht, nichts mehr übrig ist, die Kette aber dort liegt, als hätte man sie gerade erst abgelegt. Sie ist sehr still. In den Verstrebungen der kleinen Gondel hatten sich über die Jahre Hautpartikel abgesetzt. Diese Haut meiner Großmutter ist immer noch da und sieht aus wie Stein. Es schließt sich der Kreis – etwas sehr physisches, eine leibliche Spur bleibt erhalten im Ding, das uns überlebt.