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KW 29/ 2014: Fleck

Es regnet viel in diesem Sommer, zu viel für die Baustelle über meinem Kopf, von der ich eigentlich nicht mehr schreiben wollte. Aber der Dachausbau ist noch lange nicht vorbei, und er produziert immer neue Dinge, jetzt eben auch, weil es durchregnet, Wasserflecke. Einige waren schon da, als ich in der vorletzten Woche für ein paar Tage auf Urlaub ging. In meiner Abwesenheit sind sie beträchtlich gewachsen, haben sich in jedem Zimmer ausgebreitet und wohnen nun an der Decke, auch an der Wand, wie urzeitliche Einzeller-Verbände oder vom Himmel gesandte Rorschachtests.

Jetzt bin ich allein mit meinen Flecken, gegen die man nicht viel tun kann. Die Hausverwaltung stellt sich tot und die zuständigen Bauarbeiter sind schon am Donnerstag ins Wochenende verschwunden. Immer wieder schaue ich zu den Wolken auf – es möge bitte trocken bleiben – und zur Decke, denn die Dinger werden größer und wechseln die Farbe. Man kann zusehen, wie sie bei Sonnenschein blasser, bei Regen dunkler werden (es schüttet gerade aus Kübeln), ihre Ränder ausstrecken, aufplatzen und rötliche Krusten bilden. Einer der Kerle tropft auch. Hart pockt das Wasser in den Eimer, den ich ihm untergestellt habe. Derweil saugen sich seine Kumpane voll, es ist eine Frage der Zeit, bis auch sie loslegen mit dem Tropfen.

Ich solle diese Situation als eine Übung in Gelassenheit nehmen, meint mein Bruder, der Architekt. Das gelingt nur, wenn es gerade nicht wieder regnet. Der Fleck ist eine offene Stelle, eine Wunde, ein Zeichen der Sorge, das bedeutet: Da kommt noch was, es wird vielleicht noch schlimmer. Unaufhaltsam frisst sich die Baustelle weiter in meine vier Wände hinein. Es ist, als würden die Kreise enger, als säße man in der Falle. Weglaufen oder da bleiben? Nicht zu entscheiden.

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