11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
KW 30/ 2014: Die Sonnenbrille

Am letzten Wochenende wurde ich Zeugin einer unschönen Szene. Es war Nachmittag und aus dem Gegenlicht des menschenleeren Hintereingangs zum Bahnhof Praterstern kam mir heulend eine junge Frau entgegen. Sie lief unsicher taumelnd als wate sie durch Wasser, als wolle sie fort – aber doch nicht so wirklich – von ihrem Freund, der ihr auf den Fersen war und sie rüde beschimpfte. Auch er kam nur schwerfällig vom Fleck. Plötzlich warf er etwas nach seiner Freundin. Aufgreinend hielt sie sich die Hand in den Nacken, wo sie, offenbar nicht fest und durchs lange Haar geschützt, getroffen war. Nur ein kleiner Schlag in ihr zähflüssiges Elend. Sie bog weinend um die Ecke, der Freund holte sie ein, zerrte an ihr und fuhr fort mit der Tirade, wie sie sich aufführe, die alte Schlampe.

Allein auf dem Boden zurück blieb die Sonnenbrille, das Wurfgeschoss. Ganz ruhig lag sie da, vergessenes Treibgut wie alle Dinge, die verloren oder zu Bruch gehen im betrunkenen Streit zwischen Menschen. Das Paar beachtete sie nicht mehr, es beschimpfte und zerrte sich weiter. Ich sah ihnen nach aus der sicheren Entfernung beklemmenden Wissens, dass dieser Samstag für sie noch lange nicht zu Ende war.

Am nächsten Tag habe ich noch einmal dort nachgesehen, doch die Brille war weg. Vielleicht sind die beiden ja zurückgekommen in ihrem bösen Taumel und haben sie eingesammelt. Vielleicht hat jemand sie zertreten oder in den Mistkübel geworfen. Wer weiß wo sie ist. Wie wertlos Dinge werden, wenn es ums Eigentliche geht. Manchmal möchte man sie retten – wie Kinder – aus den Szenen, die sich Menschen bereiten.

 

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.