11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
KW 3/2014: Erzgebirge-Engel

Noch hängt er, mein kleiner Engel. Er ist der einzige Weihnachtsschmuck, den ich besitze, und ich knüpfe ihn jedes Jahr für Dezember und Jänner an ein Rehgehörn neben meinem Fenster. Dort schwebt er – wenn er Glück hat in der Sonne – und trompetet vor sich hin. Er ist einer der typischen, handbemalten Figürchen der Firma Wendt und Kühn aus dem Erzgebirge. Die Firma gibt es seit 1915, und ihre Figuren waren zu DDR-Zeiten florierende Exportprodukte und beliebte Sammelobjekte. Mein Schwager besitzt ein ganzes Engelorchester, unter den Füßchen seiner Musikanten klebt oft noch das Etikett „Produkt der DDR“.

Mein Trompeten-Engel wirkt, wie alle Wendt und Kühn Figuren, kindlich. Mit seiner molligen Form, dem kecken kurzen Röckchen, ist er niedlich anzuschauen. Und doch ist etwas komisch an ihm, befremdlich und irgendwie verstörend. In seinem cartoonhaft-reduzierten Gesicht sind die Augen ein nach unten gebogener, in der Mitte verdickter Schlitz. Ein Punkt ist die Nase und der Mund ist ebenfalls nur ein Punkt. Dazu kommen zwei rosa Kleckse als Wangen und eine glatte braune Fläche als Haar. Eigentlich sieht er aus wie ein aufgepumptes, glänzend lackiertes Strichmännchen, und das macht ihn auf faszinierende Weise nicht ganz geheuer.

Ich mag es, meinen einzigen Engel für die dunkelsten beiden Monate des Jahres hervorzuholen. Mich freut sein komisch-künstliches Kugelgesicht. Und sicher tröstet mich auch, dass er mit seinen nackten Beinen so tut, als könne ihm die kalte Jahreszeit überhaupt nichts anhaben.

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.