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KW 32/2014: Bruderding

Als Kind konnte mein Bruder ein ziemlicher Filou sein. Er hat zum Beispiel – eine alte und immer wieder aufgewärmte Geschichte – einmal mein Lieblingstaschentuch zerschnitten. Ich fand die blauweiß gestreiften Stoffschnitzel unter ein Kissen gestopft als Relikte seiner unmäßigen Wut auf die große Schwester. Doch was mein Bruder im Bösen schafft, das kann er auch im Guten

Da wäre zum Beispiel dieser Schottenmuster-Kulturbeutel, den ich seit sage und schreibe 20 Jahren mit mir herumtrage. Ich hatte ihn am Ende einer gemeinsamen Reise im Flughafen Heathrow entdeckt und wahnsinnig schön gefunden. Aber wir besaßen einfach nicht mehr genug Geld, um ihn zu kaufen. Im Flieger zauberte mein Bruder dann plötzlich genau diesen Beutel hervor wie ein Wunder. Er hatte unbemerkt und mit dem ihm eigenen Charme die Verkäuferin zu einem Rabatt beschwatzt.

In der letzten Woche kam nun per Post ein kleines Paket. Darin befand sich ein Milchkännchen als Trost „für die lärm- und wassergeplagte Schwester“ (Baustelle, sic!). Mein Bruder wusste genau, dass ich dieses verspielte Gefäß mit Goldlitze und Mini-Vögeln darauf, das er auch besitzt, sehr mag. Es produzierte beim Auspacken jene Freude, die sich im ganzen Körper vom Herzen her ausbreitet wie eine heiße Flüssigkeit; wie jener wohlige Schreck, der eintritt, wenn unvermutet ein Wunsch ganz exakt in Erfüllung geht.

Er ist schon sehr lieb, mein Bruder. Aber Achtung: „Wenn du nicht nett bist, mach ich das Kännchen wieder kaputt“, sagte er am Telefon. Recht so, die Sache muss spannend bleiben.

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