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KW 33/ 2014: Wartesessel

Im Moment denke ich viel über das Warten nach und habe im Zuge meiner Recherchen auch einen alten Sitz wieder besucht, in dem ich einmal ein paar sehr unangenehme Stunden verbrachte. Damals, vor sieben Jahren, war ich neu in Wien, musste einen kleinen Leberfleck anschauen lassen und ging dazu in die Hautambulanz des AKH Wien.

Diese Krankenhaus-Riesenmaschine ist in rote, blaue und grüne Zonen aufgeteilt, zusätzlich soll ein Leitsystem aus Zahlen und Buchstaben-Kombinationen Orientierung schaffen. Ich kämpfte mich in die „Grüne Wartezone“ vor, bekam eine Nummer und setzte mich zu den anderen Menschen in einen der eng hintereinander aufgereihten Hartschalensessel. Die Wartebereiche im AKH sind zum Flur hin offen, der Blick geht nach vorne auf eine Anzeigetafel, und damals kam auch – wie im Zug – ein Verkäufer mit kleinem Schiebewagen vorbei und bot Kaffee, Tee, abgepackte Hefeteilchen und die Kronenzeitung an.

Der Sitz kann nichts dafür, er ist der Inbegriff eines Dieners. Dieser hier hat eine gute Form, er ist hart, aber nicht unbequem und so glatt poliert, als solle nichts von all der Sorge, die da auf ihm sitzt, eindringen. Er gleicht seinen Brüdern rechts und links aufs Haar. Unbeweglich und in Reihe geschweißt ist er kein Einzelner, kein Individuum, genauso wenig wie die Menschen, die hier festsitzen mit der Nummer in der Hand. – „Wenn du hier ins Krankenhaus musst, bist du verloren“, dachte ich damals. Nach zweieinhalb zähen Stunden war ich an der Reihe. Die Untersuchung dauerte wenige Minuten, alles o.k., ich konnte gehen, glücklich, befreit. Nach langem Warten ist die Zeit wie neu. Der Stuhl aber ist immer noch an seinem Platz.

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