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KW 36/2014: Sorgenpüppchen

Ich bin noch nicht ganz fertig mit den kleinen Figuren, die der Mensch so bei sich tragen kann. Immer wieder erinnere ich mich an eine Ausstellung „Medizin im Nationalsozialismus“, die vor langer Zeit schon im deutschen Hygiene Museum in Dresden lief. In einigen Vitrinen waren dort kleine Spielgegenstände zu sehen, ärmliche, aus Stoff geknotete Püppchen von Insassen der NS-Psychiatrie. Diese Menschen hatten nichts mehr außer einem Kittel am Leib, aber sie versteckten diese winzigen Dinge, die ihnen Halt und ein Stück Identität gaben.

Mich berührten diese Exponate sehr, weil sie zeigten, wie wichtig es ist, irgendetwas sein eigen zu nennen, und sei es noch so klein. Fast jedes Kind hat eine Puppe, einen Teddybär, ein Stückchen Stoff, das eine Zeitlang enorm wichtig ist. „Übergangsobjekte“ nennt der Psychoanalytiker Donald Winnicott diese geliebten Gegenstände oder auch „not-me-things“, Nicht-Ich Dinge, denn sie siedeln auf der Schwelle zwischen Innen und Außen; sie sind Produkte der Phantasie und doch Materie in der Welt. Sie sind beseelt, deshalb kann das Kind mit ihnen reden.

Die kleinen Figuren erlauben „Entäußerung“, man kann auch Lasten auf sie übertragen, wie auf die typischen südamerikanischen Sorgenpüppchen, von denen eines in meiner Wohnung  hängt. Der Brauch will, dass man sie nachts unters Kopfkissen legt, nachdem man ihnen die eigenen Ängste anvertraut hat. Irgendwann im Lauf des Erwachsenwerdens wird ein Kind solche Objekte aufgeben. Sie verlieren ihre magische Wirkung. Aber wir erinnern uns stetig an sie, und ich glaube, dass in jedem Gegenstand, der mir wichtig ist, ein Stück meiner alten Lieblingsfiguren weiterlebt, ein Stück vom Hasen Mümmelmann, ein Stück vom Schlumpf Toby.