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KW 38/2014: Tierhaut

Vor vier Tagen habe ich die Lederjacke meines Lebens getroffen! Sie hing in München in einem Laden, der das schnöselige Attribut „authentic luxury“ trägt. Nun ja, darüber muss man hinwegsehen. Ich bin hineingegangen und habe beherzt nach dieser Jacke gegriffen. Sie ist aus geschmeidigem und doch festem Rehleder, das sich fett und samtig anfühlt. Sie hat den Schnitt einer taillierten Militärjacke, während die Hirschhornknöpfe Trachtenstil imitieren. Obwohl sie auf dem Foto eher unscheinbar aussieht, gilt: Dies ist eines jener Kleidungsstücke, die nie nicht gesucht, sondern nur gefunden werden können. Perfekt.

Vorlieben für bestimmte Dinge und Materialien, Faibles, Fetische kann man benennen, aber eigenartiger Weise ist es fast unmöglich, sie zu erklären. Warum interessiert mich Schmuck nicht, warum finde ich gut designte Möbel zwar schön, aber überhaupt nicht aufregend? Und woher kommt diese Schwäche für Leder? Es geht dabei nicht um dunkles Glattleder, der normale Schwarzlederfetisch lässt mich eher kalt. Mein Leder muss braun sein, dick und ein bisschen rau. Vielleicht schlummern  ja noch alte Raubtiergene in den Zellen, so dass ich mir unbedingt ein Reh umhängen will? Vielleicht hat mich die Herkunft aus einer Metzgersfamilie mit Hang zur Jägerästhetik geprägt, vielleicht habe ich als Kind einfach nur zu viele Western geschaut? Was weiß ich.

Meine Jacke jedenfalls geht mir nicht aus dem Kopf. Natürlich musste ich sie im „authentic luxury“ Geschäft hängen lassen, denn für ihren atemberaubenden Preis könnte man woanders gleich eine ganze Ledercouchgarnitur bekommen. Ein bisschen reizte mich die unverschämte Zahl aber auch, die da an ihr herumbaumelte. Für Leidenschaften muss man eben bluten.