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KW 39/2014: Kinderbild

Zu diesem Ding möchte ich eigentlich nicht viel schreiben. Ich fand es vor rund zehn Tagen auf den Nachttisch meiner Mutter. Wir, mein Bruder und ich, haben nicht viel Kontakt zu ihr. Für uns wird sie alt, sehr alt, in Sprüngen, ohne eine Kontinuität, die man nachvollziehen könnte. Auch sie hat uns nur auf Distanz und sporadisch erwachsen und älter werden sehen. Doch dort, ganz nah an ihrem schlafenden Kopf, leben wir als kleine Kinder, eingefroren in ein Damals, das nicht mehr wirklich ist. Sie hat von uns ein Bild gerettet und es für sich behalten. Es gibt keine Kopie davon.

Ich denke an Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“. Er fällt, 1891 veröffentlicht, in die frühe Zeit der Fotografie. In dieser Geschichte altert das in Ölfarben gemalte Portrait, während der reale Dorian auf unheimliche Weise seine Jugend und Schönheit behält. Das Bild nimmt sozusagen alle Makel, alle Ausschweifungen und Verbrechen an, die sich im Laufe der Zeit in Dorians Gesicht hätten abzeichnen müssen. Entsetzt sieht er in Abständen immer wieder auf das sich wandelnde Portrait, das ihm die grausame Wahrheit über seinen Charakter verrät, so lange, bis der den Anblick nicht mehr erträgt.

Fotografien sind sozusagen kleine Dorian Grays, sie altern nicht, sie sind Spiegel, die in die Vergangenheit führen, und uns narren, weil auf ihnen so täuschend lebendig bleibt, was nie wieder zu holen ist. Auf dem Kinderbild ist all das noch nicht geschehen, was kommen wird. Keine Zeichen der Zeit, kein Verfall.

Sind Bilder eigentlich Dinge? Sicher sind sie materiell, dinglich, aber ihr Wesen besteht eher darin, Gegenstände zu zeigen, als selbst Gegenstand zu sein. Sie machen zum Ding, was sie abbilden. Dieser stillgestellten Zeit zu begegnen, ist manchmal nicht weniger grausam als die Wahrheit auf dem Portrait des Dorian Gray.

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