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KW 4/2014: Das Fenster

Im Dezember war ich bei meinem Bruder zu Besuch in Berlin. Er ist Architekt, hat gerade ein neues, selbst geplantes Haus bezogen, und nun schaut er von seiner Wohnung aus direkt auf eine kahle Wand, an der dieses kleine Fenster klebt wie eine einsame Briefmarke. Hinter der Scheibe sieht man eine ordentlich drapierte Häkelgardine, in deren offener Mitte ein Stofftier baumelt. Manchmal erscheint eine Katze am Fenster, die an der Gardine zaust und das Arrangement zerstört. Dann irgendwann ist alles wieder wie von unsichtbarer Hand zurecht gerückt. Niemals erscheint ein Mensch, niemand schaut hinaus.

Das Besondere an dem Haus mit dem einsamen Fenster ist, dass die Berliner U-Bahn Linie 1, die hier als Hochbahn fährt, einmal quer durch dieses Gebäude hindurchgelegt wurde. Offenbar konnte oder wollte man das Haus beim Bau der Bahn-Strecke nicht abreißen, und so führt sie mitten durchs Haus hindurch, genau auf der Höhe der Wohnung, deren schmächtiges Fenster man in der Hauswand sieht. Wie muss das klingen, wenn unmittelbar hinter der Wohnungswand alle drei Minuten eine U-Bahn vorbeirast? Zittern der Boden, die Decke, die Wände? Wer hält das aus? Wer mag dort wohnen? Trostloser als dieses kann kaum ein Fenster wirken.

Zum Jahreswechsel, gerade als ich zu Besuch war, trieb die Katze wieder ihr Spiel mit der Gardine, aber diesmal blieb alles zerzaust. Keiner richtete das Häkelwerk in seine gewohnte Ordnung. Irgendwann erschien auch die Katze nicht mehr am Fenster. Ich muss meinen Bruder fragen, was aus der Geschichte geworden ist.

(PS: Eine Luftansicht, die zeigt, wie die Bahntrasse durch das Haus gelegt ist, kann man anschauen unter: http://www.bing.com/maps. „Dennewitzstraße 1, Berlin“ eingeben und auf „Vogelperspektive“ gehen.)