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KW 6/2014: Wubet-Schal

Dinge – vor allem schöne Dinge – wollen uns verführen. Möglicherweise gründet ja unser Reflex, sie ergreifen, sie nehmen und haben zu wollen, in uralten Jäger- und Sammlerzeiten. Heute ernährt dieser Trieb eine gigantische Konsumgüterindustrie.

Ein Kriterium ob mich das richtige Ding verführt, lehrte mich ein Schal. Ich war mit einer Bekannten aus Washington D.C. schlendernd unterwegs im 2. Wiener Gemeindebezirk, und per Zufall stießen wir am unteren Ende der Praterstraße auf einen kleinen Laden, der kaum etwas anbot, nur sehr wenige ausgewählte Stücke an Schmuck und Tüchern. Es war August, draußen war es heiß, und ich brauchte ganz bestimmt keinen Schal. Dort aber hing er, breit wie ein Tuch, aus sehr feinen Alpacawollfäden luftig gewoben, zartes Graublau. Ich fasste ihn an. Er war unglaublich leicht und weich. Er würde sehr warm sein. Er stand mir gut. Aber ich hatte keine Absicht, ihn zu kaufen. Schließlich besaß ich schon genügend Schals. Außerdem war er zu lang und zu filigran und zu empfindlich für meine rauen Radtouren, und preiswert war er eben auch nicht.

Wir unterhielten uns lange mit dem Inhaber des Ladens, einem skurrilen, sympathischen Mann, der eine Art Künstlerkittel trug und erzählte, dass er lange in Äthiopien und in Chile gelebt habe, woher er auch seine handgefertigten Stoffe beziehe. „Wubet“, der Name seines Geschäfts, so lehrte er uns, sei der äthiopische Ausdruck für „schön“. Während des ganzen Gesprächs hatte ich den Schal nicht losgelassen. Es fühlte sich an, als hätte nicht ich ihn, sondern er mich bei der Hand gefasst. Also habe ich ihn mitgenommen, gegen jede Vernunft, im heißen August. Seither achte ich beim Einkaufen darauf, wie mich Dinge berühren. Wenn ich etwas überhaupt nicht aus der Hand geben und immer wieder befühlen will, wird es sich um ein Ding handeln, das ich vielleicht nicht gesucht, aber sicher nicht ohne Grund gefunden habe.