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KW 7/2014: Tabernakel

Ich hätte nie gedacht, dass mich ein Tabernakel beeindrucken könnte. Wie opulente Miniaturschatzkammern aufgemacht, thronen Hostienschränke ja meist erhöht und goldstrahlend im Altarraum, fast immer im Zentrum der Sichtachse. Überdeutlich sollen sie zeigen, dass sie das wertvolle Herz, das Allerheiligste enthalten.

Neulich stieß ich in der Kapelle eines Wiener Studentenheims auf ein ganz anderes Exemplar. Dieser Tabernakel ist ein einfacher Aluminiumblock und wie ein Banksafe in die kalte Wand der Kapelle eingelassen. Nicht Gold, sondern Silber. Nicht verziert, sondern glatt. Nicht sicher-harter Stahl, sondern sanftes Aluminium. Nicht zentral platziert, sondern seitlich und auf Griffhöhe, so dass jede und jeder ihn berühren könnte. Sein einziger Schmuck, so könnte man sagen, ist die Schlichtheit seiner Form.

In der 1961 vom Architekten Ottokar Uhl entworfenen Kapelle gibt es ansonsten kein festes Kircheninventar. Alles in dem strengen Raum, der mit seinen rohen Betonwänden an einen Luftschutzkeller erinnert, kann verschoben werden. Nur eben nicht diese Aussparung. Das macht den Tabernakel dann doch wieder zum wichtigsten Ding. Ein bisschen könnte man ihm die Arroganz hintersinniger Bescheidenheit vorwerfen. Ist er eigentlich fest in der Wand verankert? Vielleicht lässt er sich ja doch herausziehen und mitnehmen auf irgendeiner Flucht.