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Längst ist er da, Veronika!<br>ab 4 Jahren

Den Lenz meine ich, der ist längst da – so musste ich mich heuer fast selbst ermahnen, nun doch gefälligst Frühlingsgefühle zu entwickeln. Als Kind ging das leicht. Ich hab bereits Ende Februar im Laub unter unserem Kirschbaum vorsichtig gegraben, ob nicht vielleicht schon die ersten Leberblümchen ihre winzigen haarige Köpfchen entrollen und ein klein wenig Violett herzeigen wollen. Danach hab ich alles wieder gut zugedeckt, klar. Wenn es dann so weit war, ja dann war für mich der Frühling da.

Als Erwachsene geht es mir jedes Jahr zu schnell. Ich bekomme leichte Panik, nicht alles zu schaffen, was ich mir vornehme. Bin dankbar für kühlere Tage, die das Wachstum und Erblühen noch ein wenig bremsen und das Verblühen hinauszögern. Das Bewusstwerden der Vergänglichkeit überschattet meine Freude am Aufbruch. Heuer war es ein Buch, das mir im März das vertraute Kribbeln in der Magengrube, die wonnige unbeschwerte Vorfreude auf wärmere Tage mit saftigem Grün und duftenden Blüten ausgelöst hat. „Ein Garten für den Wal“ von Toon Tellegen soll bald einen eigenen Beitrag bekommen. Jetzt ist jenes dran, mit dem meine genial-innovative Kollegin Andrea Kromoser (www.familienlektüre.at) auf meinen digitalen Ausruf „Der Frühling kann kommen!“ via SMS geantwortet hat: „Überall Blumen“ hat auch das Zeug dazu, glücklich zu machen.

Ein Mädchen in rotem Anorak ist an der Hand des Vaters unterwegs durch die graue Stadt. Aus jeder staubigen Mauerritze, jedem Spalt im Beton sprießt und blüht es. Zarte Pflänzchen bahnen sich ihren Weg dem Licht entgegen, wehrhafte Löwenzähne heben sogar Asphaltdecken empor und setzen widerständig und trotzig ihre signalgelben Zeichen in die städtische Steinwüste.

Was von vielen in meiner Nachbarschaft als lästiges Unkraut weggekratzt, -gekärchert, verätzt und ausgerottet wird, ist für Menschenkinder, die genau hinsehen, eine wichtige Botschaft, ein Lebenszeichen der uns alle nährenden Erde unter der Betondecke. Das Mädchen im neuen Buch der beiden Kanadier Jon Arno Lawson und Sydney Smith geht mit wachen Augen durch die Welt. Die Tattoos am Arm eines starken Mannes, die Taube mit dem wackelndem Gang wie eine Frau in Stöckelschuhen, alles registriert sie mit offenem Blick. Und dann die Blumen: Um sie zu erobern, lässt das Mädchen für Momente die Hand des Vaters los – der ist telefonierend mit ganz alltäglichen Dingen befasst. Er wartet jedoch geduldig, bis die kleine Tochter zu ihm zurückkehrt. Sie klettert mutig auf Mauern und schräge Pflasterflächen, trotzt sogar einem grimmig dreinblickenden Chinesischen Drachen, der von einem Schaufenster aus die Blüte zu bewachen scheint, die darunter hell leuchtet.

Wer könnte Blumen als Aufmunterung, als Beweis für die Schönheit des Daseins nötig haben? Das Mädchen teilt ihre Freude am Leben mit anderen, Schritt für Schritt wird auf ihrem Weg heim zur Mutter die Umgebung im Buch fröhlicher, bunter, lebendiger. Zu Hause angekommen marschiert sie nach inniger Begrüßungsumarmung schnurstracks gleich wieder durchs Gebäude hindurch hinaus in den Garten und hat selbst für ihre beiden Geschwister noch Blumen übrig.

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„Überall Blumen“ ist eines jener Silent Books, die ich so mag (siehe Blogbeitrag vom Juli 2015 „Die Reise“). Es kommt ganz ohne Text aus. Wir dürfen ihm unsere Stimme, unsere eigenen Worte leihen. Es kann ohne Übersetzung in allen Sprachen „vorgelesen“ werden. Die Bilder sind bewusst neutral gehalten, kein deutlicher Schriftzug verrät den Ort. Die Gesichter könnten genauso gut Menschen in Asien gehören, die buddhistisch anmutende Botschaft der Achtsamkeit deutet nach Osten.

Kindergartenkinder lesen die comicartigen Paneels, erkennen sich wieder im Mädchen auf Entdeckungstour, freuen sich an Details und reflektieren mit uns, was im Leben wichtig ist. Für uns Erwachsene hält das Buch die Erinnerung an die Weisheit bereit, dass erst unsere innere Haltung zur Welt diese ausmacht. Zauberei! Mein Blick entscheidet, mein Fokus schafft Realität. (Und natürlich, diejenige Dame, die während der Wartezeit an der Bushaltestelle versunken lesend dasteht, trägt als einzige zwischen lauter grauen Gestalten ein Kleid mit bunten Blumen – eine dezente Werbung für Bücher, danke schön!)

Unsere kleine Heldin klemmt sich eine Margerite hinters rechte Ohr, schaut dem Flug der Spatzen oben in luftigen Höhen nach, rückt ihre Kapuze gegen den Wind zurecht und macht sich entschlossen auf den Weg, hinaus aus dem Garten, zurück auf die Straßen der Vorstadt. Was zuerst am Vorsatzpapier wie eine Tapete wirkt, entpuppt sich als bunte Blumenwiese, die betreten, erlebt, erforscht werden kann.

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Danke, liebe Andrea, für deinen Hinweis auf dieses Buch! Danke auch, dass du mich mitgenommen hast auf den Ausflug nach München inklusive Schloss Blutenburg, es war wunderschön!

http://www.familienlektuere.at/2016/05/03/kinderliterarischer-ausflug/

Auf die weiteren Zusendungen deines Familienlektüre-Abos http://www.familienlektuere.at/familienlektuere-abo/ freue ich mich schon sehr und empfehle allen Kinderbuchmenschen hiermit wärmstens dieses neue Angebot aus Andrea Kromosers Unternehmen Familienlektüre.

 

 

Jon Arno Lawson/Sydney Smith

Überall Blumen

Ab 4 Jahren

Sauerländer Verlag 2016

ISBN 978-3-7373-5321-2

EUR 15,50

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

Kommentare

One thought on “Längst ist er da, Veronika!
ab 4 Jahren”

  1. Katze sagt:

    Das klingt ja wirklich nach einem sensationellen Buch – muss ich mir gleich genauer anschauen :). Danke euch für den Tipp!

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