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ExzentrikerInnen, bunte Vögel und QuerdenkerInnen haben es im Leben oft nicht leicht. Doch sie sind glücklicher und gesünder als der Durchschnitt, sagt eine Studie. Und sie sind ein Motor des Fortschritts.

Der Anpassungsdruck ist enorm. Wir alle leben täglich in vielen verschiedenen Welten, und überall wird von uns erwartet, dass wir uns nahtlos einfügen. Im Büro sollen wir bitte nicht zu schrill gekleidet sein. Auf Ämtern und Behörden verhalten wir uns jederzeit unauffällig und verständnisvoll. Besuchen wir die Großmutter, haben wir immer Appetit auf Schweinsbraten mit Knödeln, auch wenn es draußen 35 Grad im Schatten hat. Dem Postboten öffnen wir stets adrett und ausgeschlafen. Und unsere NachbarInnen belästigen wir nicht durch merkbare Anwesenheit. Außerdem erheben wir nie die Stimme, sagen nichts, was auf jemand anderen verstörend wirken könnte – und schon gar nicht erzählen wir, was wir wirklich denken. Überhaupt fallen wir nicht wirklich irgendwo auf.

„Kümmere dich nicht darum, was andere Leute reden. Sie reden sowieso. Gehe deinen eigenen Weg.“ Dieses Lebensmotto ihres Vaters wurde für Regina Hofer zum Erfolgs- und Glücksprinzip.

Stellen Sie sich vor, die Welt wäre ausschließlich bevölkert von Menschen wie den eben beschriebenen. Wie würden Sie das finden? Genau: langweilig! Doch zum Glück gibt es auch die bunten Vögel, die „Spinner“ und FantastInnen, die Käuze und die schwarzen Schafe, die unsere Welt vielfältig machen. Nennen wir sie ExzentrikerInnen.

VER-RÜCKTES GLÜCK
ExzentrikerInnen sind wörtlich genommen Verrückte, aus der Mitte der Norm, aus dem Zentrum – exzentrisch eben – Herausgerückte. In der Regel werden Menschen, die aus der Reihe tanzen, eher belächelt denn bewundert. Man fühlt sich brüskiert durch ihr scheinbares Fehlverhalten, amüsiert sich über ihre eigenwillige Lebensart oder reibt sich an ihren abweichenden Ansichten. ExzentrikerInnen knobeln an Welträtseln, bauen bizarre Maschinen, gehen immer nur rückwärts, weil sie glauben, dass sie das jünger hielte, oder beheimaten 7.500 Gartenzwerge. Manche haben auch weniger augenfällige Hobbys. Doch eines ist allen ExzentrikerInnen gemein: Sie sind glücklicher als der Rest der Menschheit. Das zumindest will Dr. David Weeks, medizinischer Psychologe an der Universität Edinburgh und der Welt erster und einziger Exzentrikforscher, herausgefunden haben. Ihn fasziniert vor allem der unerschütterliche Optimismus, der allen ExzentrikerInnen eigen ist. „Ihre positive Lebenseinstellung, die Fröhlichkeit ist ansteckend. Könnte man dieses positive Glückselixier extrahieren und in Flaschen abfüllen, wären wir Millionäre.“

David Weeks analysierte in seiner psychologischen Arbeit an die 1.000 ZeitgenossInnen sowie 400 Jahre Historie. Seine Erkenntnisse kurz und knapp: ExzentrikerInnen mögen ihren Mitmenschen verrückt erscheinen, aber sie sind der Motor des Fortschritts. Und es hat sie offenbar zu allen Zeiten und in allen Kulturen gegeben. ExzentrikerInnen sind gesünder als der Durchschnitt, wirken jünger, als sie sind, und haben einen überdurchschnittlich hohen Intelligenzquotienten. Weitere Merkmale: Sie sind unangepasst, eigensinnig und freimütig, haben ungewöhnliche Essgewohnheiten, sind oft das älteste oder einzige Kind und besitzen eine „boshafte Art von Humor“. Sie sind
ein Stück weit in ihrer skurrilen Welt versunken, die sie erfüllt, die sie anderen aber zumeist nicht aufdrängen. Zum Ausgleich juckt die Meinung anderer sie oftmals nicht im Geringsten. ExzentrikerInnen gehen unbeirrt ihren eigenen Weg, kennen keinen Neid und kein Konkurrenzdenken. Sie sind nicht „anders“, weil sie um jeden Preis auffallen wollen, sondern weil sie „ganz bei sich“ sind. Und: ExzentrikerInnen tun nicht nur sich selbst, sondern auch ihrem Umfeld gut. „Exzentriker in kleinen Dosen sind für die Mitmenschen sehr angenehm“, sagt David Weeks. „Wir lieben die Vorstellung, in unserem Leben auf etwas Exotisches und Seltsames zu stoßen, insgeheim sogar fürchtend, es selbst in uns zu entdecken“, umschreibt der englische Psychologe jene Unberechenbarkeit, die uns Menschen seit jeher an der Exzentrik fasziniert und unser ambivalentes Verhältnis dazu aufzeigt.

SEHNSUCHT NACH ANDERSSEIN
Es scheint jedenfalls nicht nur reine Neugierde oder Amüsement zu sein, das uns aus der sicheren Mitte der Gesellschaft begehrlich auf deren Rand- Erscheinungen schielen lässt. „Viele Exzentriker verfügen nicht nur über ein ausgeprägtes soziales Bewusstsein, sie wirken auch auf ihre Umwelt als eine Art Korrektiv. Indem der Exzentriker unsere eigenen Wünsche, Sehnsüchte und Phantasien in Stellvertreterfunktion auslebt und uns an der befreienden Exaltation teilhaben lässt, erinnert er uns daran, wie viel persönliche Freiheit wir unnötigerweise verschenken“, schreibt der deutsche Autor Frank Müller in seinem Essay „Exzentriker – die Sehnsucht nach dem Anderssein“.

„Dass wir ExzentrikerInnen bewundern, ist eigentlich ganz selbstverständlich. Ohne sie ginge die Welt nicht weiter, wäre die Gesellschaft nicht entwicklungsfähig“, meint auch Hannelore Hippe. Die deutsche Autorin und Journalistin beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Menschen mit ungewöhnlichen Biografien. Und sie legt ihr spezielles Augenmerk dabei auf die Frauen. Denn gerade wenn es um das Anderssein ginge, würde doch sehr mit zweierlei Maß gemessen, meint sie. „Männern wurde von jeher viel mehr Freiraum zugestanden. Frauen wurden früher und werden noch heute wesentlich klarere Rollendefinitionen von der Gesellschaft auferlegt. Und erfüllen sie diese nicht, gelten sie eher als hysterisch denn als bewundernswert.“ Das beste Beispiel dafür sei Sigmund Freuds berühmte erste Patientin Emmy von N., auf die hin der Wiener Psychoanalytiker seine Studien über die Hysterie begründete. Hinter dem Namen „Emmy von N.“ versteckt sich in Wirklichkeit die Schweizerin Fanny Moser, eine Frau mit gesellschaftlichem Status, hoher Intelligenz und einem großen Bedürfnis nach Freiheit, der Freud zufällig begegnet war. Freud revidierte Jahre nach seiner Veröffentlichung ihres Falles seine ursprüngliche Einschätzung, sie sei eine Hysterikerin, als „schlimmen diagnostischen Irrtum“.
ExzentrikerInnen wollen nur eines erreichen: Sie selbst zu sein.