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Leben aus einer Hand
Christine Haiden unterwegs: Wo sich das wirkliche Leben kurz zeigt, flüchtig, nebenbei, und zum Weiterdenken anregt.

Nach dem Vortrag sitzt sie neben mir. Sie war mir nicht aufgefallen. Eine blonde Frau, sehr mädchenhaft noch, ich schätze sie auf Anfang Vierzig. Im Vortrag war es um Lebensfreude gegangen. Auch um solche, die Menschen mit einem Handicap wieder gewinnen. „Ich kann das so verstehen“, sagt sie zu mir. Dabei lächelt sie. „Ich habe auch eine Armprothese und kann das bis heute nicht richtig akzeptieren.“

Ich sehe sie an. Mir fällt nichts auf. Fehlt ihr die rechte Hand? Sie hält sie bedeckt unter ihrer braunen Handtasche. „Wie lange haben Sie die schon?“ „Seit meiner Kindheit. Ich hatte Knochenkrebs.“ Sie hebt den Arm, die Hand kommt zum Vorschein. Sieht aus als hätte sie ganz normale Finger. Hohe Prothesenkunst? „Mir fehlt fast der ganze Oberarm“, erklärt sie. Sie habe deswegen auch keinen Job.

„Vor den Kindern“ arbeitete sie beim Roten Kreuz: Telefondienst, Logistik. Das sei ihr oft zu stressig geworden. Sie kann mit der rechten Hand greifen, aber nichts heben. Die Prothese scheuere an der Schulter, im Oberarm – es fehlt der Knochen und ein Großteil der Muskeln – habe sie noch immer Phantomschmerzen.

Und dann offenbart sie mir in einem kurzen Gespräch, es sind nicht mehr als zehn Minuten, ein kleines Lebensdrama. Heirat, zwei Kinder, oft überfordert, Trennung als das jüngere Kind 13 ist, das ältere 17. Die Kinder bleiben beim Vater, sie zieht weg in eine Wohnung. Seit vier Jahren schleppt sich die Scheidung dahin.

„Manchmal reicht die Liebe allein nicht mehr aus, um noch weiter zu machen“, sagt sie. Während des ganzen Gespräches ist ihr Gesicht immer wieder von einem Lächeln überzogen. Auch wenn sie sagt, dass es ihr weh tut, dass der ältere Sohn sich gar nie bei ihr meldet. „Es ist schon hart, wenn man im Leben eines Kindes als Mutter keine Rolle mehr spielt.“ Der Satz bleibt hängen.

Auch als sie sich schon verabschiedet hat und mit einer Freundin aus dem Saal gegangen ist. Es ist etwas mädchenhaft Beschwingtes in ihrem Gang. Von der Prothese merkt man nichts. Vielleicht ist der rechte Arm etwas dichter am Körper angelegt. Ganz sicher lächelt sie und lenkt damit ab von ihrem ungeliebten Begleiter, der Prothese.

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